Selen

Bei Hashimoto-Thyreoiditis empfehlen viele Endokrinologen hoch dosiertes Selen (meist 200 µg pro Tag), damit die Entzündung der Schilddrüse nachlässt. Der Hintergrund ist, dass Selen Bestandteil der Glutathion-Peroxidasen ist. Diese beseitigen das Wasserstoffperoxid, das in der Schilddrüse bei der Oxidation von Jodid zu Jod entsteht – Selen wirkt hier antioxidativ.

Untersuchungen belegen, dass dadurch hohe AK-TPO absinken können, positive Langzeitwirkungen sind aber nicht bewiesen. Die Erfahrung zeigt, dass die Antikörper wieder auf das vorige Niveau ansteigen, wenn Selen reduziert oder abgesetzt wird. Bei Kindern und Jugendlichen hat Selen keinen eindeutigen Effekt auf die Höhe der Antikörper.

Wenn bei Hashimoto die Schilddrüsenwerte noch im Referenzbereich liegen, empfehlen manche Ärzte lieber Selen, anstatt eine niedrige Dosis Thyroxin zu verschreiben. Einige Ärzte deuten sogar an, Hashimoto-Thyreoiditis im Frühstadium durch hoch dosiertes Selen heilen zu können – doch das ist womöglich etwas viel versprochen, auch wenn sich Selen günstig auf manchen Verlauf auswirken kann. Bei Schwangeren mit Schilddrüsen-Antikörpern (AK-TPO) senkt die Behandlung mit Selen das Risiko, später eine postpartale Thyreoiditis durchzumachen.

Selen hat neben der antioxidativen Wirkung viele weitere Funktionen. Es ist ein Bestandteil des Enzyms Dejodase, das an der Umwandlung (Dejodierung) von T4 in T3 beteiligt ist. Also könnte ein Selenpräparat eine schlechte Umwandlung verbessern, wenn Selenmangel die Ursache dafür ist. Wie oft das in der Realität tatsächlich der Fall ist und mit Selenpräparaten der fT3-Wert angehoben werden kann, ist aber nicht bekannt. Besser erforscht ist eine andere Wirkung: Selen geht inaktive Verbindungen mit im Körper gespeichertem Quecksilber und Cadmium ein, sodass diese schädlichen Metalle erst mal stillgelegt sind, aber nicht ausgeschieden werden.

Manche Patienten fühlen sich außerdem während der Selentherapie besser und sollten diese Chance nutzen. Außerdem haben Menschen mit Hashimoto und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen einen erhöhten Selenbedarf. Wer hoch dosierte Selenpräparate nicht gut verträgt, darf sie selbstverständlich weglassen oder reduzieren: Um einen nachgewiesenen Mangel auszugleichen oder um dem vorzubeugen, sollte eine tägliche Dosis von rund 50 bis 100 µg ohnehin genügen.

Der Selenbedarf des Menschen ist noch nicht vollständig geklärt, in den USA geht man provisorisch von einem Tagesbedarf von 1 µg pro Kilo Körpergewicht aus. Eine Obergrenze von 5 µg pro Kilo Gewicht dient der Vermeidung von Vergiftungen. Damit ist eine mäßige Überdosierung über den eigenen Bedarf hinaus nicht sicher ausgeschlossen, und eventuelle Risiken einer großzügigen Seleneinnahme sind noch nicht umfassend erforscht. Man hört zwar öfter, dass ein hoher Selenspiegel das Diabetes-Risiko erhöhen soll, aber das ist nicht bewiesen – also keine Panik.

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Selenreiche Nahrungsmittel sind Kokosnüsse und Paranüsse, in zweiter Linie auch Weizenkeime, Reis, manche Fische, Schweine- und Hühnerfleisch sowie Eigelb. Die Böden in Mitteleuropa sind relativ arm an Selen, sodass hiesige pflanzliche Lebensmittel eher wenig davon enthalten und Vegetarier besonders schlecht versorgt sind. Die durchschnittliche Selenaufnahme in Deutschland liegt bei Frauen bei 38 µg pro Tag und bei Männern bei 47 µg, was eine knappe Versorgung bedeutet. Ihre persönliche Selenversorgung können Sie im Serum oder im Vollblut beobachten. Das ist besonders empfehlenswert, wenn Sie mehr als 50 µg täglich nehmen.

Endokrinologen empfehlen oft ein Präparat mit Natriumselenit. Diese Selenverbindung hat allerdings den Nachteil, dass sie durch Vitamin C zerstört wird, wenn der zeitliche Abstand zu gering ist. Eine mögliche Alternative zu Natriumselenit wäre Natriumselenat, das sich chemisch nur wenig unterscheidet, aber gut mit Vitamin C verträgt. Auch organisches Selen (Selenhefe, Selenmethionin und -cystein) passt zu Vitamin C, sollte aber in hoher Dosis nicht langfristig eingenommen werden. Und wer Probleme mit Histamin hat, sollte auf Selenhefe verzichten.

Einnahme: Nüchtern mit einem Glas Wasser, 30 bis 60 Minuten vor dem Essen. Selen darf zusammen mit Kalzium und Magnesium genommen werden, außerdem mit allen Vitaminen. Was Natriumselenit betrifft, sollte der Abstand nach einer Vitamin-C-haltigen Mahlzeit sicherheitshalber mehrere Stunden betragen, vor einer solchen Mahlzeit möglichst über eine Stunde.

Flüssiges Natriumselenit, wie es Apotheken in Trinkampullen verkaufen, dürfen Sie gleich morgens mit der Thyroxintablette einnehmen: Es sind nämlich keine Begleitstoffe enthalten, die die Thyroxinaufnahme beeinflussen könnten.

Sie lasen das Selen-Kapitel aus dem überarbeiteten Ratgeber zur Schilddrüsenunterfunktion (2015).
Wissenschaftliche Quellen zum Thema finden Sie im Literaturverzeichnis des Ratgebers.

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