Wer die Diagnose Hashimoto-Thyreoiditis erhält, muss diese Tatsache erst einmal verdauen – immerhin handelt es sich nach dem derzeitigen Stand der Medizin um eine lebenslange Erkrankung. Die Betroffenen reagieren recht unterschiedlich darauf: Manche sind froh, endlich eine Diagnose zu haben, die vorhandene Beschwerden erklärt und zudem eine wirksame Behandlung mit unbedenklichen Medikamenten in Aussicht stellt.

Andere hadern damit, dass ihre Krankheit lange übersehen oder falsch behandelt wurde und die ärztlichen Versäumnisse unangenehme Auswirkungen auf weitere Lebensbereiche hatten – so etwas zu verarbeiten braucht Zeit, die man sich zugestehen sollte. Wichtig ist aber auch, nicht ins ständige Grübeln zu verfallen.

Es kommt aber auch manchmal vor, dass Menschen, die sich noch relativ gesund fühlen, die Diagnose per Zufall erhalten und sich erst mal orientieren müssen. (Bei der Frage, ob man eine Behandlung anstreben möchte oder nicht, können die nächsten Kapitel helfen.)

Nicht nur Betroffene nehmen eine Diagnose und die damit verbundenen Beschwerden unterschiedlich auf: Auch in Familie und Freundeskreis sind die Reaktionen verschieden. Ab und zu trifft man auch auf Menschen, denen Krankheiten und Einschränkungen selbst nicht geheuer sind und sie deshalb herunterspielen. Einzelne glauben offenbar nur, was sie sehen oder sich persönlich vorstellen können. Dann ist es am besten, wenn Sie klar und konkret sagen, was Sie brauchen, ohne zu diskutieren oder sich zu rechtfertigen. Die meisten Menschen reagieren verständnisvoll oder halten sich einfach aus der Sache heraus.

Was bedeutet Hashimoto im Alltag?

Wer eine Tendenz zur Unterfunktion schon deutlich spürt, sollte Rücksicht auf die eigenen Grenzen nehmen und auch das höhere Schlafbedürfnis vorerst akzeptieren. Falls Sie sich sehr schlecht fühlen, zum Beispiel müde und unkonzentriert, sollten Sie weder mit dem Rad noch mit dem Auto am Straßenverkehr teilnehmen – die Sicherheit geht vor.

Außerdem vertragen manche seit ihrer Hashimoto-Erkrankung weniger Alkohol und spüren seine Wirkung auch bei kleinen Mengen schneller. Eine Tendenz zur Unterfunktion kann tatsächlich den Abbau verlangsamen, bei einer optimalen Hormondosierung kann sich das auch wieder umkehren. Hashimoto ist dagegen kein Grund, auf Kaffee zu verzichten, es sei denn, der Puls schießt davon zu sehr in die Höhe.

Auch bei der Ernährung sind die Einschränkungen übersichtlich, sofern Sie keine zusätzlichen Nahrungsmittel-Intoleranzen oder -Allergien haben: Lebensmittel mit sehr hohem Jodgehalt sollten Sie meiden, Sojaprodukte nicht unbedingt in extremen Mengen konsumieren und ansonsten auf die individuelle Verträglichkeit Ihrer Ernährung achten.

Dennoch kursieren etliche Ernährungs-Regeln rund um Hashimoto, im Internet sogar ausführliche Verbotslisten, die angeblich beachtet werden sollen. Sie gehen zum Teil weit über das Notwendige hinaus, manche dieser Diäten helfen immerhin beim Abnehmen oder haben in anderen Lebenslagen gewisse Vorteile. Mehr über verschiedene Ernährungsstile und Diäten lesen Sie in Teil 8 über Hashimoto und Ernährung.

Wichtig zu wissen ist aber: Auch die gesündeste Ernährung oder auch eine so genannte Autoimmun-Diät kann fehlende Schilddrüsenhormone nicht ersetzen. Deshalb folgt auf dieses Kapitel der Teil 3 über die Behandlung mit L-Thyroxin.

Sport mit Hashimoto-Thyreoiditis

Bitte verausgaben Sie sich nicht völlig beim Sport und bei körperlichen Arbeiten, sondern steigern Sie das Pensum langsam und passen es an Ihren Trainingszustand und Ihre Belastbarkeit an. Ansonsten könnte es leicht passieren, dass der Hormonmangel noch deutlicher zu spüren ist, besonders am Tag danach. Dieser Effekt könnte auch noch auftreten, wenn jemand bereits L-Thyroxin einnimmt.

Mit den richtigen Medikamenten in passender Dosis wird aber die Leistungsfähigkeit tendenziell steigen – manche werden wieder so fit wie zu gesunden Zeiten, andere müssen gewisse Abstriche machen. Den eher Unsportlichen bringt es schon sehr viel, oft spazieren zu gehen, kleine Besorgungen zu Fuß oder mit dem Rad zu machen und anstelle des Aufzugs möglichst oft die Treppen zu nehmen.

Ein geeignetes Sportpensum, Bewegung im Alltag und Spaziergänge im Grünen helfen außerdem dabei, Stress abzubauen. Das ist auch deshalb wichtig, weil ungesunder Stress eine Autoimmunerkrankung verschlimmern könnte. Schlafmangel kann ungesunden Stress noch weiter verstärken. Manchen Menschen hilft es außerdem, wenn sie Meditation, autogenes Training, Chi Gong oder Yoga praktizieren.

Trotz Hashimoto in die Sauna?

Viele Hashimoto-Betroffene sind verfroren und fühlen sich deshalb in der Sauna wohl. Andere können sich dort einfach gut entspannen. Wenn Sie sich beim Saunabesuch und auch am Tag danach gut fühlen, spricht nichts dagegen, die Sauna weiterhin zu nutzen. Ist jemand noch in der Unterfunktion, kann es allerdings sein, dass es länger dauert, bis die Haut zu schwitzen beginnt.

Eher selten passiert es, dass jemand nach der Sauna Schmerzen in der Schilddrüse bekommt: Hitze kann nämlich Entzündungen verstärken und tut in so einem Fall offensichtlich nicht gut. Ibuprofen sollte nicht genommen werden, weil dieses Schmerzmittel besonders in Kombination mit Schwitzen und Salzverlust die Nieren schädigen kann. Wenn es nur leichte Schmerzen waren, hilft es vielleicht schon, beim nächsten mal anstatt der 90-Grad-Sauna niedrigere Temperaturen zu wählen: Manche Bäder bieten auch Saunarien mit 50 bis 70 Grad an. Probieren Sie einfach aus, was Sie vertragen und achten Sie auf Ihr Körpergefühl. Wenn Sie Probleme mit Herz, Kreislauf oder Blutdruck haben, sollten Sie vorher bei den zuständigen Ärzten klären, was Sie beachten müssen.

Die Abwehrkräfte durch eine gesunde Lebensweise zu erhalten – ob nun mit oder ohne Sauna – ist auch bei Hashimoto nicht verkehrt. Dagegen könnten medizinische Behandlungen, die direkt in die Immunreaktionen eingreifen, teilweise problematisch sein: Das Medikament Interferon wurde ja bereits als möglicher Hashimoto-Auslöser genannt (Link zu Kapitel 1.4.).

Impfen trotz Hashimoto-Thyreoiditis?

Auch Impfungen nutzen die natürlichen Immunreaktionen für ihre Ziele. Doch eine Hashimoto-Diagnose spricht an sich nicht gegen eine Impfung. Auch wenn die Lage der Betroffenen nicht im Detail erforscht ist, kann man sich provisorisch an Erfahrungen und Empfehlungen zu anderen Autoimmunerkrankungen orientieren. Die meisten Hashimoto-Betroffenen vertragen Impfungen recht gut, gelegentlich werden auch andere Erfahrungen berichtet.

Sie sollten sich aber möglichst nicht impfen lassen, wenn Sie sich sowieso schon krank fühlen, sondern den Termin auf bessere Tage verschieben – das gilt im Prinzip für alle Menschen. Wenn Sie skeptisch eingestellt sind, können Sie bei jeder Impfung sorgfältig prüfen, ob sie tatsächlich notwendig ist. Private Fernreisen in Länder, die etliche zusätzliche Impfungen erfordern, müssen zum Beispiel nicht zwingend sein. Wenn völlig neue Impfungen auf den Markt kommen, könnten Sie erst einmal gesünderen Menschen den Vortritt lassen und beobachten, wie sich die Sache entwickelt, und dann entscheiden.

Wer prüfen will, ob noch ausreichend Antikörper von einer Impfung aus früheren Jahren vorhanden sind oder ob die Impfung aufgefrischt werden sollte, könnte auf eigene Kosten den Impftiter messen lassen. Auch wenn man wissen möchte, ob mit einer einmaligen Impfung schon ein ausreichender Schutz aufgebaut wurde oder ob der zweite Termin nötig ist, könnte ein Test bei mancher Impfung sinnvoll sein.

Wer nach einer Impfung eine Nebenwirkung erfährt, kann diese selbst melden, falls die Arztpraxis das nicht übernimmt. Ein ursächlicher Zusammenhang muss dabei nicht eindeutig feststehen und kann im Einzelfall sowieso nur schwer bewiesen werden. Der zeitliche Zusammenhang – also Beschwerden in der Zeit nach der Impfung – genügt. Mit einer Meldung Ihrer nach der Impfung aufgetretenen Beschwerden vergrößern Sie die Datenbasis, aus vielen Meldungen können Schlüsse gezogen werden. Auch Nebenwirkungen aller anderen Medikamente können hier gemeldet werden:
https://nebenwirkungen.pei.de

Hyposensibilisierung, Blutspende und weitere Fragen

Auch Hyposensibilisierungen gegen Allergien sind bei Hashimoto möglich, nur schwere Autoimmunerkrankungen gelten als Ausschlussgrund. Wer nicht zwingend auf eine Hyposensibilisierung angewiesen ist, könnte auch sicherheitshalber darauf verzichten, sich mit Medikamenten behelfen und abwarten, was die Forschung noch bringen mag.

Wer eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse hat, sollte kein Blut spenden, weil vermieden werden soll, dass Schilddrüsen-Antikörper auf die Empfänger übertragen werden. Eine Ausnahme liegt vor, wenn einer Blutspenderin mit Hashimoto-Thyreoiditis bescheinigt wurde, dass kein Entzündungsprozess mehr vorliegt. Diese Spielregeln bedeuten aber nicht, dass Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow per Blutspende übertragbar ist: Bei gesunden Menschen würden sich Antikörper aus einer Blutspende bald abbauen und verschwinden.

Falls eine Blutspende nicht für Bluttransfusionen gedacht ist, sondern der medizinischen Forschung dienen soll, ist die Situation eine ganz andere: Fragen Sie am besten direkt bei den Fachleuten nach, ob Ihr Blut für die betreffende Studie in Frage kommt oder nicht.

Wer eine Autoimmunerkrankung hat, sollte sicherheitshalber keine Hyaluronsäure spritzen lassen, obwohl sie von Natur aus im Körper vorkommt und dort Wasser bindet. Hyaluronsäure wird von Orthopädinnen bei leichten Fällen von Arthrose als Privatleistung ins Kniegelenk gespritzt, Hautärzte verwenden sie oft zum Unterspritzen von Falten. In beiden Fällen hält die Wirkung über begrenzte Zeit an, dann ist die Hyaluronsäure wieder abgebaut.

In der Covid-19-Pandemie sind Menschen wegen einer Hashimoto-Thyreoiditis oder einer Unterfunktion an sich keine Risikogruppe. Mehr dazu im Blogartikel: Risikogruppe wegen der Schilddrüse?

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Zum vorigen Kapitel: Ihr Befund: So erfahren Sie, was Sache ist

Weiter geht es mit Teil 3: Die Behandlung mit L-Thyroxin

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Hashimoto-Thyreoiditis BuchcoverWerbung: „Leben mit Hashimoto-Thyreoditis“

Es gibt einen Ratgeber, der ebenfalls diesen Titel trägt, verfasst von Leveke Brakebusch (Gynäkologin mit Morbus Basedow) und Armin Heufelder (Endokrinologe). Die neueste Auflage wurde umbenannt in „Facharzt-Sprechstunde: Hashimoto-Thyreoiditis“. Es ist kein Fachbuch, sondern ein Ratgeber für Hashimoto-Betroffene.

Sie können den Ratgeber in jeder Buchhandlung bestellen. Die ISBN: 3863713001

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