Bei einer Hashimoto-Thyreoiditis empfehlen viele Endokrinologen hoch dosiertes Selen, damit die Entzündung der Schilddrüse nachlässt. Der Hintergrund ist, dass Selen wichtiger Bestandteil der Glutathion-Peroxidasen ist. Diese beseitigen das Wasserstoffperoxid, das in der Schilddrüse bei der Oxidation von Jodid zu Jod entsteht – Selen wirkt hier antioxidativ.

Selen senkt die Antikörper, aber …

Untersuchungen belegen, dass dadurch hohe TPO-AK absinken können, positive Langzeitwirkungen sind aber nicht bewiesen. Die Erfahrung zeigt, dass die Antikörper wieder auf das vorige Niveau ansteigen, wenn Selen reduziert oder abgesetzt wird. Bei Kindern und Jugendlichen hat Selen keinen eindeutigen Effekt auf die Höhe der Antikörper. Deshalb sind viele Endokrinologen mittlerweile von einer pauschalen Selen-Empfehlung abgekommen. Auch Hoffnungen, eine Hashimoto-Thyreoiditis im Frühstadium mit Selen heilen zu können, waren zu hoch gegriffen.

Link: Stellungnahme zur Selensubstitution bei Patienten mit Hashimoto Thyreoiditis (Arbeitsgruppe Schilddrüse und Endokrinum der Österreichischen Gesellschaft für Nuklearmedizin)
http://hormon.org/autoimmunthyreopathien/Selen-Schilddruese.pdf

Dass Selen bei Schilddrüsen-Ärzten wieder aus der Mode kommt, bedeutet aber nicht, dass es unwichtig ist: Lediglich eine hohe Dosis von 200 µg oder mehr, die früher oft empfohlen wurde, erscheint heute fragwürdig. Um einen nachgewiesenen Mangel auszugleichen oder um dem vorzubeugen, sollte eine tägliche Dosis von rund 50 bis höchstens 100 µg genügen.

Bessere Umwandlung durch Selen?

Selen hat neben der antioxidativen Wirkung in der Schilddrüse noch weitere Funktionen im Körper. Deshalb brauchen auch Menschen ohne Schilddrüse ein klein wenig davon. Selen ist zum Beispiel ein Bestandteil eines Dejodase-Enzyms, das an der Umwandlung (Dejodierung) von T4 in T3 beteiligt ist – diese Umwandlung passiert außerhalb der Schilddrüse.

Das heißt: Ein Selenpräparat könnte theoretisch eine schlechte Umwandlung verbessern, wenn entsprechend starker Selenmangel die Ursache dafür wäre. Wie oft das in der Realität der Fall ist und wie häufig der fT3-Wert mit Selenpräparaten tatsächlich angehoben werden kann, ist aber nicht bekannt. Deshalb kann man auch nicht davon ausgehen, dass die Einnahme von Selen den fT3-Wert verbessert oder gar „pusht“, auch wenn es oft behauptet oder erhofft wird. Daraus folgt außerdem, dass Selen bei einer Überfunktion oder bei Morbus Basedow nicht tabu sein muss (Link zurück zu Kapitel 1.3.).

Interessant ist auch eine andere Wirkung: Selen geht inaktive Verbindungen mit im Körper gespeichertem Quecksilber und Cadmium ein, sodass diese schädlichen Metalle erst mal stillgelegt sind, aber nicht ausgeschieden werden. Vergiftungen müssen dadurch nicht befürchtet werden.

Wie viel Selen braucht der Mensch?

Der Selenbedarf des Menschen ist noch nicht vollständig geklärt, in den USA geht man provisorisch von einem Tagesbedarf von 1 µg pro Kilo Körpergewicht aus. Eine Obergrenze von 5 µg pro Kilo Gewicht dient der Vermeidung von Vergiftungen. Damit ist eine mäßige Überdosierung über den eigenen Bedarf hinaus nicht sicher ausgeschlossen, und mögliche Risiken einer großzügigen Seleneinnahme sind noch nicht umfassend erforscht. Eine hohe Jodaufnahme erhöht tendenziell den Selenbedarf.

Außerdem brauchen Menschen mit Hashimoto und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen etwas mehr Selen. Manche Menschen mit Hashimoto fühlen sich außerdem während der Selentherapie besser und dürfen diese Chance nutzen. Bei Schwangeren mit Schilddrüsen-Antikörpern (TPO-AK) senkt die Einnahme von Selen das Risiko, später eine postpartale Thyreoiditis durchzumachen. (Siehe auch Kapitel 5.6.: Die Schilddrüse nach der Geburt)

In welcher Nahrung ist Selen enthalten?

Selenreiche Nahrungsmittel sind Kokosnüsse und Paranüsse, in zweiter Linie auch Weizenkeime, Reis, manche Fische, Schweine- und Hühnerfleisch sowie Eigelb. Der Gehalt tierischer Nahrungsmittel hängt teilweise von der Ernährung der Nutztiere und den Futterzusätzen ab. Die Böden in Mitteleuropa sind relativ arm an Selen, sodass hiesige pflanzliche Lebensmittel eher wenig davon enthalten und Vegetarier besonders schlecht versorgt sind. Aber auch bei Kokosnuss ist der Selengehalt je nach Herkunft unterschiedlich. Über Paranüsse sollte man wissen, dass sie Radioaktivität speichern, weswegen man nicht mehr als zwei Stück pro Tag essen sollte.

Die durchschnittliche Selenaufnahme in Deutschland liegt unter 50 µg pro Tag, das entspricht einer eher knappen Versorgung. Wenn Sie wissen möchten, ob Sie selbst von einem Selenmangel betroffen sind, können Sie vor Beginn der Einnahme Ihren Selenwert messen lassen. Eine Messung im Serum ist dafür gut geeignet.

Welche Selenverbindung wählen?

Endokrinologen empfehlen oft Apotheken-Präparate mit Natriumselenit. Diese Selenverbindung hat allerdings den Nachteil, dass sie durch Vitamin C zerstört wird, falls der zeitliche Abstand zu gering ist. Eine mögliche Alternative zu Natriumselenit wäre Natriumselenat, das sich chemisch nur wenig unterscheidet, aber gut mit Vitamin C verträgt. Organisches Selen (Selenhefe, Selenmethionin und -cystein) passt zwar ebenfalls zu Vitamin C, sollte aber in hoher Dosis nicht langfristig eingenommen werden, weil es sich im Körper anreichert, ohne vollständig verfügbar zu sein. Und wer Probleme mit Histamin hat, sollte auf Selenhefe verzichten.

Am besten eignen sich Natriumselenit und -selenat zur längerfristigen Einnahme: Diese Selenverbindungen sind für den Körper gut verfügbar, eventuelle Überschüsse werden aber auch ohne Probleme ausgeschieden. Ein Speicher (wie etwa beim Eisen) soll bei Selen ohnehin nicht aufgebaut werden.

Blogartikel: Günstige Selenpräparate bei Rossmann und anderswo

So nehmen Sie Selen richtig ein

Damit Selen gut aufgenommen wird, nimmt man es nüchtern mit einem Glas Wasser, 30 bis 60 Minuten vor dem Essen. Das Spurenelement darf zusammen mit Kalzium und Magnesium genommen werden, außerdem mit allen Vitaminen. Es gibt aber eine Ausnahme, die nur Natriumselenit betrifft: Zu dieser Selenverbindung sollte der Abstand bei Einnahme nach einer Vitamin-C-haltigen Mahlzeit sicherheitshalber mehrere Stunden betragen, bei Selen-Einnahme vor einer solchen Mahlzeit möglichst über eine Stunde.

Flüssiges Natriumselenit, wie es Apotheken in Trinkampullen verkaufen, dürfen Sie gleich morgens mit der Thyroxintablette einnehmen: Es sind nämlich keine Begleitstoffe enthalten, die die Thyroxinaufnahme beeinflussen könnten. Sie dürfen aber auch Selenkapseln oder Selentabletten zum L-Thyroxin nehmen, falls Sie nach einiger Zeit sowieso die Schilddrüsenwerte überprüfen lassen wollen.

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