Neben den gängigen, synthetisch hergestellten Hormonen sind auch natürliche Schilddrüsenhormone auf dem Markt, die aus getrockneten Schilddrüsen des Schweins gewonnen werden. Man nennt diese Präparate auch „Schilddrüsen-Extrakt“. Sie enthalten neben Thyroxin (T4) auch Trijodthyronin (T3), weshalb das Thema an dieser Stelle behandelt wird – es handelt sich gewissermaßen um ein natürliches Kombipräparat. Ferner enthalten die natürlichen Hormone etwas T2, das wahrscheinlich keine praktische Bedeutung hat. Schilddrüsen-Präparate vom Rind gibt es im Prinzip auch, sind aber seit der BSE-Krise schwerer zu bekommen.

Schilddrüsen-Extrakt als Privatleistung

Natürliche Schilddrüsenhormone wurden schon zur Behandlung einer Unterfunktion eingesetzt, bevor es die heute gängigen Tabletten mit L-Thyroxin gab. In den vergangenen Jahren ist der Extrakt vom Schwein wieder in Mode gekommen: Unter Heilpraktikerinnen und einzelnen Ärzten für Naturheilkunde haben sie einen besseren Ruf als L-Thyroxin, das zwar auch naturidentisch gebaut ist, aber in den Labors großer Pharmaunternehmen hergestellt wird. Der alternative Ruf des Schilddrüsenextrakts ändert aber nichts daran, dass es sich um ein Medikament handelt, das dem Hormonersatz dient.

Ärzte können natürliche Schilddrüsenhormone auf Privatrezept verschreiben, sie müssen dann von gesetzlich Versicherten selbst bezahlt werden. Einige wenige Apotheken stellen sie selbst her, manche internationale Apotheken importieren sie aus Nordamerika. Es ist auch schon zu Lieferengpässen gekommen. Die genaue Zusammensetzung kann sich von Hersteller zu Hersteller unterscheiden, sodass auch hier ein Präparatewechsel nicht unbedingt empfehlenswert ist.

Natürliche Schilddrüsenhormone besser verträglich?

Manche Menschen vertragen natürliche Hormone besser als synthetische. Das könnte daran liegen, dass die Hormone im Schilddrüsen-Extrakt nicht in freier Form vorliegen, sondern an Proteine gebunden sind. Dadurch entfällt das morgendliche „Anfluten“ weitgehend, unter dem einzelne Menschen auch nach längerer Gewöhnung an L-Thyroxin noch leiden. Am Tag der Blutentnahme sollten die natürlichen Hormone trotzdem erst hinterher genommen werden – sicher ist sicher.

Natürliche Schilddrüsenhormone wirken aber nicht in jedem Fall sanfter und verträglicher als synthetisch hergestellte Hormone. Einzelne, entsprechend empfindliche Personen vertragen anscheinend den natürlichen Histamingehalt des Schilddrüsen-Extrakts nicht gut.

Wegen der gebundenen Hormone kann man außerdem provisorisch davon ausgehen, dass eine Behandlung mit Schilddrüsen-Extrakt den TSH-Wert weniger absenkt als die Einnahme der gleichen Hormonmenge in freier Form, auch wenn es offenbar noch keine Studien dazu gibt. Wenn Sie aber deutlich mehr T3 oder insgesamt mehr Schilddrüsenhormone einnehmen als Sie eigentlich bräuchten, dürfte das wieder anders aussehen und der TSH-Wert trotz der gebundenen Hormone im Extrakt deutlich sinken.

Vorsicht, Schilddrüsenhormon vom Schwein enthält viel T3!

Bei der Hormoneinstellung gibt es ein praktisches Problem: Schweine haben von Natur aus ein höheres T3-T4-Verhältnis als der Mensch. Diese natürlichen Hormone sind also in erster Linie für das Schwein natürlich, für den Menschen schon weniger – der erhebliche T3-Anteil im natürlichen Präparat kann für Menschen viel zu hoch sein.

Falls sich herausstellt, dass das tatsächlich der Fall ist, wird es notwendig, dieses natürliche Kombinationspräparat bei der betroffenen Person mit herkömmlichem L-Thyroxin zu ergänzen, um nicht mit T3 überdosiert oder mit T4 unterdosiert zu sein oder gar beides zugleich. Wenn man sich um eine sorgfältige Hormoneinstellung bemüht, kommt so etwas sogar häufig vor.

Natürliche Schilddrüsenhormone kombiniert mit L-Thyroxin

Es ist deshalb schon vorgekommen, dass ein Hersteller den Hormonen vom Schwein ein wenig synthetisch hergestelltes L-Thyroxin hinzufügt, um den für den Menschen unnatürlich hohen T3-Anteil auszugleichen. Dieses Mischungsverhältnis muss aber auch nicht für alle passen, sodass es sinnvoller wäre, die natürlichen Hormone individuell mit L-Thyroxin zu ergänzen. Erkundigen Sie sich in der Apotheke vor der ersten Verschreibung genau, welche Hormone tatsächlich enthalten sind und was auf dem ärztlichen Privatrezept stehen sollte, damit Sie auf Anhieb das benötigte Produkt bekommen.

Es spricht sonst nichts Grundsätzliches dagegen, L-Thyroxin und den Schilddrüsen-Extrakt zusammen einzusetzen: Ein natürliches Präparat muss nicht immer besser sein, manchmal ist es nur teurer und komplizierter. Es ist deshalb sinnvoll, die Behandlung mit Schilddrüsenhormonen auf die herkömmliche Art mit L-Thyroxin-Tabletten zu beginnen und erst dann auf natürliche Hormone umzusteigen, wenn es Gründe dafür gibt.

Wer zum Beispiel L-Thyroxin gut verträgt, aber mit den herkömmlichen T3-Präparaten trotz eines sehr niedrigen fT3-Werts nicht zurecht kommt, könnte L-Thyroxin versuchshalber mit dem tierischen Extrakt kombinieren. Das heißt, man könnte die natürlichen Schilddrüsenhormone in erster Linie zur T3-Substitution verwenden. Für diesen Zweck sollte man mit der niedrigsten Dosis des Schilddrüsen-Extrakts beginnen, ihn mit L-Thyroxin kombinieren und dann ähnlich vorgehen wie in den vorausgehenden Kapiteln beschrieben.

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