Dabei handelt es sich quasi um eine Paläo-Diät, die um zusätzliche Verbote erweitert ist: Beim so genannten Autoimmun-Protokoll sind auch Eier, Nachtschattengewächse, Nüsse und Samen nicht erlaubt. Zu den Nachtschattengewächsen gehören Tomaten, Paprika, Auberginen und Kartoffeln, aber nicht die Süßkartoffel.

Allerdings ist das Autoimmun-Protokoll im Gegensatz zur Paläo-Ernährung nicht als dauerhafte Lebensweise gedacht, sondern als Eliminationsdiät, auf gut Deutsch Auslass-Diät: Die dabei verbotenen Nahrungsmittel werden zeitlich begrenzt weggelassen. Zusätzlich besonders empfohlen sind fermentierte Produkte wie Sauerkraut und Kombucha.

Der Nutzen der Paläo-Ernährung (Link zum vorigen Kapitel) beim Abnehmen ist auch auf das Autoimmun-Protokoll übertragbar, da die Regeln ähnlich und sogar noch strenger sind. Das macht spontanes Zugreifen im Alltag fast unmöglich, sei es am Kiosk oder in der Kantine. Aber nicht alle Hashimoto-Betroffenen sind übergewichtig und möchten abnehmen – manche sind mit ihrem Gewicht zufrieden, andere sind nicht bereit, sich stark einzuschränken.

Was sind die Argumente der AIP-Anhänger?

Für die verbotenen Lebensmittel führen die Fans unterschiedliche Gründe an, zum Beispiel den Gehalt an ungünstigen Stoffen wie Phytinsäure, Saponinen und Lektinen. Diese Stoffe wirken sich aber auch vorteilhaft auf die Verdauung aus – soweit die Effekte schon erforscht und bekannt sind. Lektine werden übrigens beim Kochen und Backen mit der Zeit zerstört, sodass auch sehr vorsichtige Menschen die betreffenden Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreidearten nicht vollständig meiden brauchen. Bei eingen Gemüsesorten kommt es außerdem vor, dass manche Menschen sie geschält besser vertragen.

Bei den Nachtschattengewächsen dienen die Alkaloide als wichtigstes Argument, diese Gemüse wegzulassen. Allerdings können Sie das leicht giftige Solanin gut meiden, indem Sie Tomaten und Auberginen nur ganz reif verwenden, also ohne grüne Stellen und grünliche Ränder. Dafür sollte die Aubergine außen eine satte Farbe haben, die zwischen dunkelviolett und braun liegt. Wer Probleme mit Histamin hat, sollte Tomaten und Auberginen aber auch in reifer Form weitgehend weglassen. Bei Kartoffeln gilt auch für gesunde Menschen: Vorräte dunkel lagern, Triebe heraus schneiden und gegarte Kartoffeln immer geschält essen – das gilt auch für Kartoffeln aus dem eigenen Garten und aus dem Bioladen: So bleibt die Belastung mit Solanin niedrig.

Allergene vorbeugend weglassen?

Manche sprechen bei den Verbots-Listen des Autoimmun-Protokolls von potenziellen Allergenen, zu denen auch Milchprodukte und Soja gehören. Der Haken an der Sache: Man verhindert keine Allergien in der Zukunft, indem man alles meidet, worauf andere Menschen allergisch sind. Das hat man früher bei Babys und Kleinkindern aus Allergiker-Familien versucht. Allerdings hat es sich nicht bewährt, im Gegenteil: Dieses Leben ohne Erdnüsse, ohne Haustiere, ohne Daunendecken mit Hausstaubmilben und so weiter hat Allergien sogar begünstigt.

Es genügt also, solche Stoffe wegzulassen, auf die man selbst mit Symptomen reagiert oder die wegen einer seriösen Diagnose gemieden werden sollten. Weit über das Ziel hinauszuschießen bringt auch Ihrem Immunsystem und Ihrem Darm keine direkten Vorteile oder vorbeugende Wirkungen. Manche Ernährungsumstellung könnte aber einen Sinn haben, wenn jemand bereits Allergien hat. Mehr dazu gegen Ende dieses Kapitels.

Autoimmun-Protokoll, Leaky Gut und Hashimoto

Ein wesentliches Argument für das Autoimmun-Protokoll ist der Darm: Manche AIP-Fans behaupten, durch Ernährungsfehler sei der Darm gereizt worden, wodurch ein Leaky-Gut-Syndrom entstanden sei. Das Leaky-Gut-Syndrom sei angeblich die Ursache oder der Auslöser der Hashimoto-Thyreoiditis. Anschließend behauptet man, das Problem durch die richtige Ernährung rückgängig machen zu können: Wer sich an die Regeln hält, heilt den Darm und bessert die Autoimmunerkrankung – so lautet zumindest manches Versprechen.

Dass eine Hashimoto-Thyreoiditis durch Darmprobleme oder speziell das Leaky-Gut-Syndrom ausgelöst wird, ist allerdings eine unbewiesene Behauptung. Einen wissenschaftlich anerkannten Zusammenhang zwischen Hashimoto und Ernährung gibt es aber doch: Eine jodreiche Ernährung kann eine Hashimoto-Thyreoiditis auslösen oder verschlimmern, und zwar ohne den Darm zu beeinflussen. Das spielt aber im „Autoimmun-Protokoll“ keine Rolle, einzelne Bücher zum Thema empfehlen sogar jodreiche Meeresalgen, die bei Hashimoto und Basedow zumindest nachteilig wären und im Extremfall massive Schübe auslösen könnten.

Blogartikel: Wird Hashimoto durch Leaky Gut verursacht?
https://schilddruesen-unterfunktion.de/2015/10/wird-hashimoto-durch-leaky-gut-verursacht/

Zonulin als Leaky-Gut-Test?

Es gibt eine Laboruntersuchnung, die als Privatleistung angeboten wird: Der Zonulin-Wert im Stuhl oder im Serum soll Hinweise auf ein Leaky-Gut-Syndrom geben.

Was ist Zonulin? Dieses Protein reguliert die Durchlässigkeit der Schleimhaut im Dünndarm. Erhöhtes Zonulin könnte gesundheitliche Probleme anzeigen, es könnte aber auch eine Folge davon sein, dass kürzlich bestimmte Lebensmittel konsumiert wurden, darunter Weizen. Daher ist der diagnostische Wert des Zonulin-Wertes fraglich.

Wer die eigenen Beschwerden in Beschreibungen des Leaky-Gut-Syndroms wiederfindet, kann auch ohne derartige Diagnose einiges tun, das dem Darm gut tun könnte.

Was ist eigentlich ein Protokoll?

Unter einem Protokoll versteht man im Zusammenhang mit dem AIP einen Ernähungsplan oder ein Ernährungsschema. Mehr steckt nicht hinter diesem Begriff, der auch in anderen Zusammenhängen verwendet wird. Deshalb muss man auch nicht übermäßig beeindruckt sein: Man könnte das englische „Protocol“ ebenso mit „Schema F“ übersetzen.

Achten Sie bei der Wahl Ihrer Ernährung unbedingt darauf, was Sie persönlich vertragen! Viele Menschen haben Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten oder Allergien, die es erfordern, die Ernährung individuell anzupassen – weitgehend unabhängig davon, was derzeit als gesund gilt oder gar als Hashimoto-Heildiät angepriesen wird.

Fermentierte Lebensmittel, die im Autoimmun-Protokoll besonders empfohlen werden, kommen zum Beispiel bei einer Histamin-Intoleranz nicht in Frage. Dagegen wäre Joghurt als probiotische Alternative in diesem Fall kein Problem, obwohl er im Autoimmun-Protokoll üblicherweise nicht erlaubt ist.

Unverträglichkeiten abklären und beobachten

Lassen Sie sich bei Verdacht auf die betreffende Unverträglichkeit oder Allergie untersuchen, soweit das möglich ist. Zuständig sind Gastroenterologie und Allergologie. Es gibt aber auch einige Unverträglichkeiten, die sich nicht im Labor testen lassen, zum Beispiel auf Phytinsäure. Auch Menschen, die keine derartigen Probleme haben, vertragen nicht alle Lebensmittel gleich gut. Es gibt sogar Menschen, die H-Milch vertragen, aber keine Frischmilch, sowie umgekehrte Fälle.

Es sind auch allergische Reaktionen auf manche Stoffe möglich, die zur Behandlung eines Leaky-Gut-Syndroms besonders empfohlen werden: Einige Menschen reagieren allergisch auf das Gewürz Kurkuma, das ansonsten je nach Anwendung leicht verdauungsfördernd wirken könnte, im Idealfall vielleicht auch ein wenig entzündungshemmend. Je nach Dosis und Empfindlichkeit sind aber auch verschiedene Verdauungsbeschwerden durch Kurkuma möglich. Aus diesen Gründen hilft es nicht unbedingt, ein „Protokoll“ zu kopieren, das anderen Menschen mit womöglich anderen Schwachstellen geholfen hat – selbst wenn dabei von Hashimoto die Rede ist.

Wann ist eine Eliminationsdiät sinnvoll?

Wenn jemand ein Leaky-Gut-Syndrom vermutet oder verschiedene Allergien, Unverträglichkeiten und Darmprobleme hat, dann kann eine Eliminationsdiät aber durchaus sinnvoll sein: Eine Zeitlang gibt es nur reizarme Lebensmittel, bei denen man sich sicher ist, sie zu vertragen. Bei vielen Menschen wären das Reis, Kartoffeln, Fisch, Hähnchen, Eier, Naturjoghurt, Pflanzenöl, halb reife Bananen und ausgewählte Gemüsesorten. Nach einiger Zeit nimmt man Schritt für Schritt weitere Lebensmittel hinzu und beobachtet, wie der Körper darauf reagiert. Es kann helfen, Beobachtungen aufzuschreiben und sich dabei nicht zu zensieren.

Wer gleichzeitig dem Darm etwas Gutes tun möchte, kann auf ausreichend Milchsäure-Bakterien (Joghurt oder Kapseln) achten. Eine weitere Möglichkeit ist, resistente Stärke zu konsumieren – zum Beispiel unreife Bananen, kalte Nudeln oder kalte Kartoffeln. Als Essig für Kartoffelsalat eignet sich Obstessig am besten, Rohkost sollte man übergangsweise meiden. Gewöhnlicher Essig und fermentierte Produkte (Sauerkraut, Kombucha …) wären außerdem ungünstig für den Fall, dass eine Histamin-Unverträglichkeit beteiligt ist.

Link: Resistente Stärke: Bedeutung unterschätzt? (UGB-Forum 2015)
www.ugb.de/exklusiv/fragen-service/resistente-starke/?resistente-staerke-ballaststoff

Außerdem schwören manche Menschen auf Dinkel statt Weizen, besonders bei Verdauungsproblemen, Allergien und Unverträglichkeiten. Dieser Versuch kommt selbstverständlich nur in Frage, wenn keine Weizenallergie oder Zöliakie im Spiel ist, denn Dinkel ist eng mit dem Weizen verwandt und enthält sogar mehr Gluten als dieser.

Auslass-Diät individuell anpassen

Bei der Eliminationsdiät sollte man sich nicht auf das Autoimmun-Protokoll versteifen: Wer Allergien und Kreuzallergien hat, sollte möglicherweise auch einige der im AIP erlaubten Kräuter und Gewürze weglassen. Manche Menschen müssen sogar die eigentlich milden Gemüse der Doldenblütler meiden – Karotte, Fenchel, Sellerie … Das sind aber Dinge, die nicht direkt im Zusammenhang mit der Hashimoto-Thyreoiditis stehen und auch andere Menschen betreffen können.

Wer Reizdarm hat, könnte es außerdem mit einer FODMAP-Diät versuchen – hier sieht die Auswahl ebenfalls anders aus als beim Autoimmun-Protokoll: Es werden auch schwer verdauliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Pilze, Zwiebeln und die meisten Kohlsorten weggelassen, außerdem alle Obstsorten, die reich an Fruktose sind.

Für jede Art von Eliminationsdiät gilt: Wenn jemand individuell unverträgliche Lebensmittel weglässt, sollten sich die Symptome bald bessern. Ist das nach Wochen immer noch nicht geschehen, ist entweder die Diät nicht richtig zusammengestellt oder die Symptome werden gar nicht von der Ernährung verursacht, sondern haben ganz andere Gründe.

Wenn Sie ein Lebensmittel eindeutig als Auslöser Ihrer Beschwerden identifiziert haben, müssen Sie niemand beweisen, an welchem Inhaltsstoff es genau liegt – das lässt sich im Einzelfall sowieso nicht immer klären. Probieren Sie einfach aus, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses Nahrungsmittel konsequent meiden. Falls Ihnen im Zusammenhang mit anerkannten Krankheiten und Unverträglichkeiten etwas unklar ist, könnten Sie sich an eine ernährungsmedizinische Facharztpraxis wenden.

Voriges Kapitel: Was bringt die Paläo-Diät bei Hashimoto?

Nächstes Kapitel: Antientzündliche Diäten bei Hashimoto?

Übernächstes Kapitel: Glutenfreie Ernährung wegen Hashimoto?