Wer ohne Operation eine Unterfunktion entwickelt, ist also meistens von einer Hashimoto-Thyreoiditis betroffen. Die Veranlagung für Hashimoto wird vererbt – das ist Voraussetzung, um diese Autoimmunerkrankung überhaupt zu bekommen. Die Veranlagung schließt auch die Krankheit Morbus Basedow ein. Diese Schilddrüsen-Erkrankung ist ebenfalls autoimmun bedingt, führt aber zu einer Überfunktion (Link zum vorausgehenden Kapitel). In manchen Familien sind beide Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse vertreten.

Das bedeutet aber nicht, dass Hashimoto und Basedow Erbkrankheiten sind und ein Mensch zwingend erkrankt, wenn die Anlagen vorhanden sind: Wahrscheinlich braucht es einen Auslöser, damit Hashimoto oder Basedow ausbricht. In der Wissenschaft werden verschiedene Einflüsse diskutiert.

Unter Laien wird oft spekuliert, ob der Reaktorunfall von Tschernobyl für Hashimoto und Basedow verantwortlich ist, das ist aber nicht der Fall. Allerdings hat Schilddrüsenkrebs in stark Strahlen belasteten Gebieten zugenommen.

Risikofaktor und Auslöser Jod

Was Hashimoto und Basedow angeht, so wirkt sich eine jodreiche Ernährung tendenziell ungünstig aus. Ab welcher täglichen Dosis und Anwendungsdauer das Spurenelement Jod tatsächlich zum Problem werden kann und deshalb die Autoimmunerkrankung ausbrechen kann, lässt sich aber nicht allgemein sagen: Die Aussagen in der Fachliteratur sind widersprüchlich, und die Empfindlichkeit der Schilddrüse könnte von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen. Zumindest ist bekannt und medizinisch anerkannt, dass hoch dosiertes Jod eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse auslösen kann, das betrifft vor allem jodhaltiges Kontrastmittel und das Herzmedikament Amiodaron.

Aber auch alltägliche Mengen Jod können Folgen haben: In einigen Gebieten, in denen Jodsalz neu eingeführt wurde, haben anschließend Hashimoto und Basedow zugenommen. In alternativen Kreisen wird teils das Gegenteil behauptet – demnach sei ein Jodmangel die Ursache von Hashimoto. Dafür gibt es aber keinerlei Beweise.

Weitere Auslöser der Hashimoto-Thyreoiditis

Auch weitere Medikamente kommen als Trigger für Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse in Frage, vor allem Interferon und Lithium. Denkbar ist auch, dass Infektionen mit Viren oder Bakterien eine gewisse Rolle spielen, wissenschaftlich diskutiert werden Epstein-Barr-Virus, Herpex simplex und einige andere.

Die Erfahrung zeigt außerdem sehr deutlich, dass Hashimoto und Basedow häufig in Zeiten hormoneller Umstellungen ausbrechen: In der Pubertät, in den Monaten nach einer Geburt oder in den Wechseljahren. Das erklärt teilweise den hohen Frauenanteil unter den Hashimoto-Erkrankten, der bei über 80 Prozent liegt. Aber auch die Genetik spielt hier eine Rolle. Hinzu kommt, dass ein Teil der Erkrankten noch eine andere Autoimmunerkrankung hat (Link zu Kapitel 7.3).

Autoimmunerkrankungen nehmen zu

In den Industrieländern haben Autoimmunerkrankungen in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein zugenommen. Wahrscheinlich spielen dabei die moderne Lebensweise und die verbesserte Hygiene eine wesentliche Rolle. Der Anstieg der Autoimmunerkrankungen betrifft auch die Schilddrüse: In den USA haben laut einer aktuellen Studie 13,4 % der Bevölkerung Anzeichen einer Hashimoto-Thyreoiditis, davon hat ungefähr die Hälfte tatsächlich eine Unterfunktion. In Mittel- und Westeuropa sind immerhin etwa 8 % von Hashimoto betroffen.

Vor Jahrzehnten galt die Hashimoto-Thyreoiditis noch als eine relativ seltene Krankheit, die vor allem bei Frauen in den Wechseljahren auftrat, heutzutage können schon Kinder betroffen sein.

Link: Hashimoto’s Thyroiditis: From Genes to the Disease
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3271310/

Nächstes Kapitel: Der Verlauf der Hashimoto-Thyreoiditis