Im Lauf der Schwangerschaft steigt der Bedarf an Schilddrüsenhormonen etwa ab der siebten Woche an, was verschiedene Ursachen hat. Zum Ausgleich produziert eine gesunde Schilddrüse mehr Hormone, wofür sie auch etwas mehr Jod benötigt. (In diesem Kapitel geht es aber auch um Schwangere mit Schilddrüsen-Unterfunktion und Hashimoto-Thyreoiditis, die L-Thyroxin brauchen.)

Ein steigender TSH-Wert zeigt tendenziell an, dass sich die Schilddrüse mehr anstrengen muss. Falls der TSH-Wert einer scheinbar gesunden Schwangeren über den Referenzbereich (Normalbereich) ansteigt, sollte die Sache sicherheitshalber genauer untersucht werden.

In der Fachliteratur findet man eigene TSH-Referenzbereiche für Schwangere:

1. Trimenon: 0,1 – 2,5 mU/l
2. Trimenon: 0,2 – 3,0 mU/l
3. Trimenon: 0,3 – 3,0 mU/l

(Ein Trimenon ist ein Schwangerschafts-Drittel.)

Die Untergrenzen für das 1. und 2. Trimenon sind etwas niedriger als sonst üblich, weil die Schilddrüse der Schwangeren nicht nur durch das TSH, sondern auch durch das Schwangerschafts-Hormon HCG stimuliert wird. Das führt tendenziell dazu, dass die Schilddrüse zum Ausgleich etwas weniger TSH ausschüttet. Durch die HCG-Wirkung kann sogar eine leichte Schwangerschafts-Überfunktion entstehen, die aber nur sehr selten behandlungsbedürftig ist.

Doch was ist, wenn der TSH-Wert höher ausfällt als oben angegeben? Ein leicht erhöhter TSH-Wert bei Schwangeren ohne Schilddrüsen-Diagnose muss noch kein zwingender Grund sein, sofort eine Behandlung der latenten Unterfunktion mit L-Thyroxin zu beginnen, sondern sich die Sache genauer anzusehen.

Zuständig für die Abklärung der Schilddrüse sind in erster Linie die Endokrinologie und die Nuklearmedizin. Möglicherweise ist die Hausarztpraxis kurzfristig bereit, als ersten Schritt die Schilddrüsen-Antikörper TPO-AK zu messen. Sind die Antikörper erhöht, sollte die Arztpraxis die Schilddrüsenwerte im vierwöchigen Rhythmus beobachten, damit man spätestens bei auffälligen Werten reagieren und L-Thyroxin verschreiben kann. Aber man muss nicht immer auf schlechte Werte warten – möglicherweise reduziert eine frühzeitige Behandlung das Risiko, dass es zur Fehlgeburt kommt. Falls Sie diesen Online-Ratgeber nicht von vorne gelesen haben, finden sie mehr zur Behandlung mit L-Thyroxin siehe Teil 3.

Eine Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse bei Spezialisten wäre ebenfalls sinnvoll, wenn ein Verdacht auf eine Hashimoto-Thyreoiditis abgeklärt werden soll.

Bedarf an L-Thyroxin in der Schwangerschaft

Viele Schwangere nehmen bereits das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin ein, meistens wegen einer Hashimoto-Thyreoiditis, wegen eines Kropfs oder nach einer Schilddrüsen-Entfernung. Ihr Bedarf an Schilddrüsenhormonen steigt ebenfalls, und so brauchen die meisten bald eine höhere Dosis L-Thyroxin als vor der Schwangerschaft. In welchem Ausmaß das der Fall ist, ist aber sehr unterschiedlich: Manche müssen ihre Dosis alle vier Wochen nach oben anpassen, andere nur ein- oder zweimal während der gesamten Schwangerschaft, in einzelnen Fällen auch gar nicht.

Manche Ärzte empfehlen ihren Schilddrüsen-Patientinnen pauschal, gleich nach dem positiven Schwangerschaftstest die Dosis an L-Thyroxin um eine bestimmte Menge zu erhöhen. Ob das tatsächlich sinnvoll ist, hängt davon ab, wie knapp oder großzügig die Schilddrüsenhormone vor der Schwangerschaft dosiert waren. Deshalb lässt sich dieser Rat nicht verallgemeinern.

Jedenfalls sollten Sie die Schilddrüsenwerte bald untersuchen lassen, sobald die Schwangerschaft feststeht. Danach bemühen Sie sich am besten alle vier Wochen um eine Kontrolle, vor allem in der ersten Hälfte der Schwangerschaft. Aber auch in den letzten Wochen vor der Geburt sind gute Werte wichtig, damit der Körper für die großen Anstrengungen vorbereitet ist.

Die Schilddrüsenwerte in der Schwangerschaft

Wenn im Lauf der Schwangerschaft der Bedarf an L-Thyroxin zunimmt, zeigt sich das in den Laborwerten an einem sinkenden fT4-Wert und / oder einem steigenden TSH-Wert. Wichtig ist, neben dem TSH-Wert auch die freien Hormone (fT3 und fT4) zu messen und auszuwerten. Denn der TSH-Wert könnte etwa bis zur 20. Woche durch das Schwangerschaftshormon HCG abgesenkt sein. Die Aufgabe des HCG ist, die Schilddrüse zur höheren Produktion anzuregen, was bei einer Hashimoto-Schilddrüse nur begrenzt funktioniert. Daher muss meistens die L-Thyroxin-Dosis erhöht werden.

Eine manifeste Überfunktion liegt erst vor, wenn die freien Hormone erhöht sind. Das heißt aber nicht, dass der TSH-Wert in der Schwangerschaft vollständig ignoriert werden sollte: Ein erhöhtes TSH zeigt auch in der Schwangerschaft eine Tendenz zur Unterfunktion an.

Wo sollen die Schilddrüsenwerte liegen?

Wenn Ihre persönlichen Optimalwerte bekannt sind, könnten diese auch in der Schwangerschaft zur ungefähren Orientierung dienen. Allerdings werden sich genaue Ziele für die freien Werte wegen der laufenden Veränderungen des Hormonbedarfs und der L-Thyroxin-Dosis nicht immer genau erreichen und halten lassen – das ist kein Grund zur Sorge.

Auch das Befinden kann bei der Dosierung des L-Thyroxins berücksichtigt werden. In der Schwangerschaft lässt sich jedoch nicht immer eindeutig sagen, ob ein Symptom von der Schwangerschaft oder den sinkenden Schilddrüsenhormonen herrührt: Müdigkeit kann sowohl von der Schwangerschaft selbst als auch von einer Tendenz zur Unterfunktion verursacht sein, Eisenmangel könnte ebenso in Frage kommen.

Manche Ärzte empfehlen, dass der fT4-Wert bei Schwangeren tendenziell im oberen Referenzbereich liegen sollte. Wenn es Ihnen damit nicht gut geht, sollten Sie sich aber nicht wegen einer derartigen Faustregel zu hoch-normalen fT4-Werten zwingen. Hinzu kommt ja noch, dass die Referenzbereiche der verschiedenen Labore stark voneinander abweichen.

T3-Präparate in der Schwangerschaft

Wenn Sie ein Kombipräparat aus T3 und T4 einnehmen oder L-Thyroxin (T4) mit einem T3-Präparat ergänzen, ist es wahrscheinlich, dass Ihr T4-Bedarf stärker ansteigt als der T3-Bedarf. Dann sollten die Dosierungen beider Hormone getrennt voneinander erhöht werden, was allein mit einem Kombipräparat nicht möglich ist. Dann ist es sinnvoll, sich zusätzlich L-Thyroxin in der fehlenden Dosis verschreiben zu lassen.

Falls Sie noch kein T3 einnehmen und der fT3-Wert erst in der Schwangerschaft stark sinkt, müssen Sie deswegen nicht extra mit T3 anfangen. Der niedrige fT3-Wert gefährdet die Schwangerschaft und den Embryo nicht: Er wird in den ersten Monaten von der Plazenta mit T3 versorgt, später von seiner eigenen Schilddrüse. Wenn es Ihnen mit dem niedrigen fT3-Wert nicht gut geht, könnte aber ein behutsamer Versuch mit T3 sinnvoll sein – das wäre nicht gefährlich. Allerdings würde dann die Einschätzung der Werte etwas komplizierter als bisher (siehe Teil 4 dieses Ratgebers zur T3-Einnahme).

Extra Jod in der Schwangerschaft einnehmen?

In der Schwangerschaft wird üblicherweise zusätzliches Jod in Form von Jodid-Tabletten empfohlen, bei Gesunden sind 150 µg pro Tag üblich. Das hat damit zu tun, dass der Jodbedarf in der Schwangerschaft ansteigt. Jod ist ein notwendiger Baustein für Schilddrüsenhormone, und der Hormonbedarf nimmt in der Schwangerschaft zu. Wenn Jod knapp wird, könnte sich bei der Schwangeren ein Kropf (Struma) entwickeln, und dem kann durch eine großzügige Jodversorgung vorgebeugt werden.

Schwangere, die wegen Hashimoto oder aus anderen Gründen L-Thyroxin einnehmen, betrifft dieses Kropf-Problem gar nicht. In ihrem Fall wird der steigende Hormonbedarf dadurch gedeckt, dass ihre Dosis L-Thyroxin regelmäßig an die aktuelle hormonelle Lage angepasst wird.

Was den Fetus betrifft, ist er in Sachen Schilddrüsenhormone vollständig von der Schwangeren abhängig, sodass die passende Dosis L-Thyroxin am wichtigsten ist. Die kleine Schilddrüse des Fetus beginnt erst ab der 10. Woche Jod zu speichern und allmählich selbst Hormone zu produzieren, davor kann er mit zusätzlichem Jod gar nichts anfangen. Die Entscheidung für oder gegen zusätzliches Jod könnten Sie also auf diese Phase der Schwangerschaft verschieben.

Tipps zum Beginn mit Jodid

Wenn Sie mit Jodsalz oder Jodtabletten beginnen und Ihre Schilddrüse noch viel funktionsfähiges Gewebe hat, kann es allerdings sein, dass das Organ wieder mehr Jod speichert und daraus mehr Hormone produziert als davor. Wer gleichzeitig das L-Thyroxin erhöhen muss, sollte dabei nicht zu forsch vorgehen. Ein Kompromiss wäre, beim Jod vorsichtiger zu sein und erst einmal mit der Hälfte der eigentlich geplanten Jod-Dosis einzusteigen.

Wenn Sie die Jodtabletten nicht vertragen oder schon einmal an Morbus Basedow erkrankt waren, sollten Sie diese besser weglassen – es ist nicht nötig, sich zu quälen oder gar einen Basedow-Rückfall zu riskieren. Sie brauchen sich auch nicht überwinden, Seefisch (Meeresfisch) zu essen, wenn Sie ihn nicht mögen. Schwangere, die sich rein pflanzlich (vegan) ernähren, können aber sicherheitshalber ein Jodpräparat einnehmen oder jodiertes Salz verwenden. Denn auch Jodsalz trägt wesentlich zur Versorgung mit dem Spurenelement bei.

Außerdem dürfen Sie bei der Einschätzung der eigenen Jodversorgung berücksichtigen, dass Sie mit den eingenommenen Schilddrüsenhormonen zusätzliche Jodatome zuführen, die bei der Dejodierung recycelt werden können. Die Einnahme von 75 µg L-Thyroxin entspricht ungefähr 50 µg zusätzlichem Jod. Ansonsten wird Jod wie sonst auch über die Ernährung zugeführt. Der Jodgehalt der heutigen Milchprodukte ist Ärzten nicht unbedingt bekannt, sodass die Lage nicht immer realistisch eingeschätzt wird.

Tipp: Die Stiftung Warentest untersucht etwa alle fünf Jahre etliche Milchproben aus Deutschland. Den letzten Test von 2017 können Sie hier erhalten: https://www.test.de/Test-Milch-1590601-0/

Das klingt kompliziert? Kümmern Sie sich gut um alles Notwendige und seien Sie zuversichtlich. Millionen Frauen mit Hashimoto-Thyreoiditis, sonstiger Unterfunktion oder ohne Schilddrüse haben bereits Kinder bekommen. Wenn Ihnen und Ihrem Partner sonst nichts fehlt, was die Fortpflanzung beeinträchtigt, sind Ihre Chancen gut, dass alles klappt.

Welche Arztpraxen sind notwendig?

Allein wegen einer Schilddrüsenerkrankung ist keine Kinderwunschklinik notwendig, solche Einrichtungen sind eher für besondere Schwierigkeiten gedacht und nicht auf Probleme mit der Schilddrüse spezialisiert. Meist genügt eine gute Haus- oder Facharztpraxis (Endokrinologie oder Nuklearmedizin) mit viel Erfahrung in Sachen Schilddrüse und Schwangerschaft. Wer privat versichert ist, kann die Schilddrüsenwerte auch in der gynäkologischen Praxis messen lassen. Bei Kassenpatientinnen wird das aus Budgetgründen nicht überall gemacht, aber danach fragen dürfen Sie immer.

Für gesetzlich Versicherte ist eine zweite Anlaufstelle als Reserve sinnvoll, da nicht jede Praxis tatsächlich bereit ist, alle vier Wochen die nötigen Werte zu kontrollieren. Optimal wäre es, wenn alle Arztpraxen dasselbe Labor nutzten oder zumindest mit vergleichbaren Referenzbereichen arbeiteten, aber zwingend nötig ist das nicht. Jede Praxis sollte möglichst wenige Tage nach der Blutentnahme die Ergebnisse mit der Schwangeren besprechen, um schnell auf veränderte Werte reagieren zu können.

Überblick: Embryotox über Hypothyreose
www.embryotox.de/erkrankungen/details/hypothyreose

Fachartikel: Auf den TSH-Wert kommt es an. Management der Hypothyreose in der Schwangerschaft (Ars Medici Dossier 2015)
https://www.kup.at/kup/pdf/10514.pdf

Schilddrüsenfunktion in der Schwangerschaft. Eine kritische Betrachtung (Universimed 2018)
https://www.universimed.com/ch/fachthemen/eine-kritische-betrachtung-2109521

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