Wie kommen die Referenzbereiche oder Normalbereiche eigentlich zustande? Im Idealfall sollte die Sache so ablaufen, dass gesunde Menschen in ausreichender Zahl ausgewählt werden. Falls es für den betreffenden Laborwert nötig ist, kann auch nach Alter und Geschlecht differenziert werden.

Geht es um die Referenzbereiche von Schilddrüsenwerten, sollten alle aus der Stichprobe ausgeschlossen werden, die bereits Schilddrüsen-Medikamente einnehmen. Ebenfalls nicht einbezogen werden sollten Menschen mit auffälligen Befunden, etwa mit Schilddrüsen-Antikörpern oder verdächtigem Ultraschallbild.

Ermittelt man Referenzbereiche anhand einer derartigen Stichprobe, die aus mehr oder weniger gesunden Menschen besteht, erhält man viele Einzelwerte, aus denen sich ein Mittelwert (Durchschnittswert) errechnen lässt.

Laborwerte als Glockenkurve

Stellt man alle gemessenen Werte graphisch nach Häufigkeit dar (die Werte auf der horizontalen X-Achse, deren Häufigkeit auf der vertikalen Y-Achse), ergibt sich eine glockenförmige Kurve. Mathematik-Fans kennen dieses Muster als Normalverteilung nach Gauß (Link zur Wikipedia). Wenn Sie einen Zehnmarkschein betrachten, können Sie auch darauf den Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855) und seine Glockenkurve sehen:

Zehnmarkschein mit Carl Gauß und Gaußkurve

Ein Großteil der gemessenen Werte liegt also um den Mittelwert herum, der dem höchsten Punkt der Kurve entspricht. Je größer die Abweichung vom Mittelwert, umso seltener kommen solche Werte in der Realität vor.

Für die Schilddrüsenwerte bedeutet das: Je näher ein Wert am oberen oder unteren Rand des Referenzbereichs liegt, umso wahrscheinlicher wird es, dass es sich um eine Auffälligkeit handeln könnte – vorausgesetzt, der Referenzbereich wurde korrekt ermittelt und die betreffende Person nimmt noch keine Medikamente ein.

Referenzbereiche aus Studien

Betrachten wir nun einige wissenschaftliche Studien, in denen Referenzbereiche oder Normalbereiche von Schilddrüsenwerten ermittelt wurden:

Nachdem alle Menschen mit Schilddrüsen-Antikörpern aussortiert waren, ergab die Untersuchung der japanischen Probanden fT4-Werte zwischen 1,03 und 1,66 ng/dl, jeweils 2,5 % lagen darunter bzw. darüber (Link zur Studie).

Eine Studie aus Deutschland schloss aus einer Gruppe scheinbar gesunder Testpersonen alle aus, die aus Familien mit Schilddrüsenerkrankungen kamen, anschließend alle mit einem krankhaften Ultraschallbefund oder erhöhten Antikörpern (TPO-AK oder TG-AK). Übrig blieben schließlich 453 von 870 Menschen (Link zur Studie).

Aus deren Untersuchung ergeben sich folgende Referenzbereiche (auch hier wurden die oberen und unteren 2,5 % als Extremwerte herausgerechnet) und Mediane:

TSH: 0,40 – 3,77 mIU/l (Median 1,36)
FT3: 4,02 – 6,79 pmol/l (Median 5,13)
FT4: 12,8 – 20,4 pmol/l (Median 16,2)

Der Median ist der Wert, der an der mittleren Stelle steht, wenn man die Zahlen der Größe nach sortiert. Er ist also nicht dasselbe wie der Mittelwert oder Durchschnittswert, sollte sich aber im Fall der Schilddrüsenwerte nicht drastisch unterscheiden. (Dazu ein Bild aus dem Alltag: Wenn sich Kinder der Größe nach aufstellen, stellt das Kind in der Mitte den Median dar. Dieser muss aber nicht mit dem rechnerischen Durchschnittswert aus allen Kindern übereinstimmen.)

Einheiten in pmol/l lassen sich per Formel oder Webformular in die häufiger verwendeten Einheiten pg/ml und ng/dl umrechnen (Achtung – für fT3 und fT4 gelten verschiedene Umrechnungsfaktoren). Für die Umrechnung von pg/ml in ng/dl müssen wir nur die Kommastelle verschieben.

Dann erhalten wir aus dieser deutschen Studie folgende Referenzbereiche:

FT3: 2,62 – 4,42 pg/ml (Median 3,34)
FT4: 10,0 – 15,9 pg/ml (Median 12,6) oder umgerechnet
FT4: 1,00 – 1,59 ng/dl (Median 1,26)

Zum Vergleich noch einmal der fT4-Referenzbereich der weiter oben erwähnten japanischen Studie:

FT4: 1,03 – 1,66 ng/dl oder umgerechnet
FT4: 13,3 pmol/l – 21,4 pmol/l

Tool: Einheiten der freien Werte umrechnen
https://www.imd-berlin.de/nc/leistungsverzeichnis/einheitenrechner.html

Referenzbereiche in der Praxis

Manche Labors übernehmen ihre Referenzbereiche aus derartigen Studien oder aus der sonstigen Fachliteratur. Andere ermitteln ihre Referenzbereiche selbst anhand der Laborwerte ihrer Patientendaten oder bekommen sie von den Herstellern der Testassays mitgeliefert. Da es zahlreiche Labors gibt, sind viele unterschiedliche Referenzbereiche gebräuchlich, zum Teil mit ganz erheblichen Abweichungen. Man kann nicht davon ausgehen, dass diese Unterschiede ausschließlich messtechnische Gründe haben.

Manche Referenzbereiche ähneln denen aus den Studien, auch wenn sie oft etwas weiter gefasst sind. Allerdings hat das größte medizinische Labor Deutschlands (Labor Augsburg MVZ, ehemals Labor Schottdorf) vor allem seine FT4-Obergrenze deutlich höher angesetzt. Hier die Referenzbereiche des Labor Augsburg MVZ:

FT3: 2,0 – 4,4 pg/ml
FT4: 0,9 – 2,0 ng/dl

Sporadisch sieht man sogar noch höhere fT4-Obergrenzen, bei manchen Labors beispielsweise 28 pmol/l oder 2,3 ng/dl. Derartige Referenzbereiche sollten Sie mit Skepsis betrachten: Womöglich wurden Patienten in die zugrunde liegende Stichprobe einbezogen, die vor der Blutentnahme ihre L-Thyroxin-Tablette eingenommen hatten, oder die Referenzbereiche sind sogar extra für diesen Zweck gedacht. Dann sollten Sie die Tablette morgens trotzdem weglassen, weil das genauer ist. Berücksichtigen Sie aber, dass bei solchen Referenzbereichen ein etwa mittig gelegener fT4-Wert bereits eine eher großzügige Versorgung bedeuten dürfte.

Seit mehreren Jahren gibt es aber auch Referenzbereiche, die im Vergleich zu den oben zitierten Studienergebnissen und bisher etablierten Referenzbereichen insgesamt niedrig angesetzt erscheinen. Hierzu kann keine allgemeine Empfehlung gegeben werden.

Nächstes Kapitel: Umwandlung, Symptome und das Hormon T3