Entgiftung und Entschlacken sind immer wieder in verschiedenen Variationen gefragt. Derartige Themen kamen schon vor über 30 Jahren in alternativen Kreisen in Mode: Vor allem Zahnfüllungen aus Amalgam wurden damals verdächtigt, für Autoimmunerkrankungen und andere chronische Krankheiten verantwortlich zu sein.

Amalgamsanierung wegen Hashimoto?

Auch heute kommt es noch ab und zu vor, dass alternative Behandler bei chronischen Krankheiten aller Art eine Amalgamsanierung empfehlen, das heißt: Ältere Zahnfüllungen werden herausgebohrt, selbst wenn sie noch gut sind und den Zahn schützen. Anschließend werden Füllungen und Kronen aus Kunststoff, Keramik oder Gold eingesetzt.

Doch eine Autoimmunerkrankung wird dadurch nicht geheilt, sodass es hier schon viele teuer bezahlte Enttäuschungen gegeben hat. Amalgam ist nicht völlig unproblematisch, denn es enthält das Schwermetall Quecksilber und wird deshalb kaum noch für Zahnfüllungen eingesetzt. Allerdings erkranken auch junge Leute ohne Amalgamfüllungen an Hashimoto und anderen Autoimmunerkrankungen (siehe Kapitel 7.3.).

Wegen der ausbleibenden therapeutischen Erfolge spielt die Amalgamsanierung heute eine viel geringere Rolle als noch in den Neunzigern. Hinzu kommt, dass beim Herausbohren der Amalgamfüllungen verstärkt Quecksilber in den Körper gelangt, sofern keine sehr aufwändigen Schutzmaßnahmen zum Zug kommen. Diese müssten wahrscheinlich extra bezahlt werden.

Seien Sie auch skeptisch, wenn jemand Schwermetalle mit pflanzlichen Extrakten oder homöopathischen Komplexmitteln „ausleiten“ will (Link zum übernächsten Kapitel): Wenn jemand tatsächlich vergiftet ist, zum Beispiel durch eine Panne in der Industrie, ist die Entgiftung durch geeignete Medikamente eine Kassenleistung.

Wer Schwermetalle sicherheitshalber aus gesundheitlichen Gründen auch in geringeren Mengen meiden möchte, sollte wenig Innereien und wenig Seefisch essen. Übrigens tragen in manchen deutschen Regionen auch ältere Kohlekraftwerke zur Quecksilber-Belastung über die Luft bei – davon hört man in alternativmedizinischen Kreisen nichts.

Entgiftung durch Algen?

So genanntes Entschlacken und Entgiften bringt im Idealfall eine leichtere und gesündere Ernährung mit viel Gemüse mit sich. Die damit verbundenen Diäten und Behandlungen können aber weder eine Hashimoto-Thyreoiditis noch eine Unterfunktion beseitigen.

Manche der Hashimoto-Betroffenen und ihre Behandlerinnen schwören dennoch auf Entgiftung durch Algen. Beachten Sie bitte, dass Algen, sogar manche Süßwasseralgen, so viel Jod enthalten können, dass sie Ihre Schilddrüse tatsächlich beeinflussen – bei einer Hashimoto-Thyreoiditis hieße das: ungünstig beeinflussen. Extrem jodreiche Algen können im Einzelfall sogar bei gesunden Menschen mit Jodmangel zu viel des Guten sein. Dennoch ist es in den letzten Jahren sogar in Mode gekommen, trotz Hashimoto hoch dosiertes Jod extra einzunehmen (siehe folgendes Kapitel).

Entgiftung durch Bentonit?

Es sind zudem allgemein bedenkliche Stoffe im Handel, die dem Entgiften dienen sollen: Bentonit ist als Lebensmittelzusatz in der EU nicht mehr erlaubt, wird aber als alternatives Präparat zum Einnehmen verkauft. Auch traditionelle Heilerde sollte man nicht unkritisch sehen, selbst wenn sie in der Apotheke angeboten wird und zur innerlichen Anwendung gedacht ist.

Der Unterschied zwischen Bentonit und Heilerde liegt in den Details: Heilerde ist Löss, der in der Eiszeit vom Wind abgelagert wurde, Bentonit stammt aus vulkanischen Erden und enthält mehr Tonminerale. Bedenken Sie auch, dass Heilerde und Bentonit die Wirkung eingenommener Medikamente und Mineralstoffe abschwächen können, weil sie viele Stoffe binden. (Heilerde könnte man eher bei manchen Verdauungsbeschwerden übergangsweise als Hausmittel anwenden, bis das Problem anderweitig gelöst ist.)

Blogartikel: Mythos Bentonit – Heilerde oder Gesundheitsrisiko?
https://www.kraeuterhaus.de/blog/bentonit-heilerde-oder-gesundheitsrisiko/

Entschlacken und Entgiften für die Leber?

Bei diesen Stichworten geht es oft darum, die Leber und die Galle bei ihrer Arbeit zu unterstützen: Die Heilpflanze Mariendistel soll die Leber regenerieren und die Galle anregen. Tatsächlich kann Silymarin, der in Mariendistel enthaltene Wirkstoff, die Leber unterstützen: Das betrifft die Regeneration gesunder Leberzellen und hilft auch bei Entzündungen. Damit kann die Mariendistel bei der Regeneration einer (alkoholischen wie nicht-alkoholischen) Fettleber helfen.

Blogartikel: Silymarin aus der Mariendistel zum Leberschutz – wirksam oder unwirksam?
http://wirksam-oder-unwirksam.blogspot.com/2012/07/silymarin-aus-der-mariendistel-zum.html

Allerdings benötigt ein gesunde Leber gar keine derartige Unterstützung! Hier sollte man ehrlich prüfen: Hat man das diffuse Gefühl, irgendwie „entschlacken“ und „entgiften“ zu müssen, weil man in der letzten Zeit sehr viel gegessen oder mehr Alkohol getrunken hat als sonst? Dann braucht man keine speziellen Präparate für Leber und Galle, sondern entlastet die Leber am besten, indem man gesünder lebt – mit leichter Kost, genug Bewegung und ohne Alkohol. Das ist auch und gerade dann ein entscheidender Punkt, wenn sich bereits eine Fettleber gebildet haben sollte.

Eine alternative Leberreinigung mit Olivenöl, Grapefruitsaft und Bittersalz bringt der Leber überhaupt nichts. Die angeblichen Lebersteine, die der Körper danach oft ausscheidet, sind lediglich verklumpte und verseifte Zutaten dieser Leberkur. Wenn jemand Gallensteine haben sollte, kann diese drastische Kur sogar eine Gallenkolik auslösen.

Wechselnde alternative Gesundheits-Trends

Es kommen immer wieder neue Anleitungen und Therapien zur Entgiftung sowie Schema-F-Erklärungen für chronische Erkrankungen auf den Markt. Meist versprechen sie viel und bringen wenig. Hier sollte man sich einfach vor Augen halten: Hashimoto und andere Autoimmunerkrankungen sind nicht die Folge einer Vergiftung (siehe Kapitel 1.4. über die Auslöser der Hashimoto-Thyreoiditis).

„Alternativ“ bedeutet in vielen Fällen nur, dass nichts bewiesen ist. Das schließt nicht aus, dass jemand trotzdem von einer Behandlung mit einer unbewiesenen Methode profitiert, denn zumindest der Placebo-Effekt kann immer beteiligt sein: Wenn jemand an eine Behandlung glaubt, kann fast alles helfen und wirken – das gilt für anerkannte und nicht anerkannte Methoden gleichermaßen. Man sollte aber vorher klären, ob eine alternative Behandlung nach dem aktuellen Stand des Wissens zumindest nicht schadet und ob man es sich zeitlich und finanziell leisten kann, auf dieses Pferd zu setzen.

Greifen Sie nicht nach jedem Strohhalm!

Ein Tipp zum Schluss: Gerade unseriöse Online-Händler und auch einzelne Behandler bauen mehr oder weniger darauf, dass Verzweifelte nach jedem Strohhalm greifen. Kaufen Sie deshalb möglichst nicht im verzweifelten Zustand auf dem alternativen Gesundheitsmarkt ein, weder online noch im echten Leben. Prüfen Sie gründlich und gelassen, bevor Sie sich für ein Angebot entscheiden. Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein, ist es oft auch nicht wahr. Hinzu kommt: Wer sich ängstlich und verzweifelt an etwas klammert, statt es gelassen und zuversichtlich anzugehen, bringt sich womöglich um die Vorteile des Placebo-Effekts und erlebt eher eine weitere Enttäuschung.

Voriges Kapitel: Mit Hashimoto-Thyreoiditis zum Heilpraktiker?

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