In einer depressiven Phase fehlt es den Betroffenen an Antrieb, Lebensfreude und Zuversicht. Dagegen können sich Unentschlossenheit, Ängste, zwanghaftes Grübeln und Minderwertigkeitsgefühle ausbreiten, manchmal bis zur Verzweiflung. Bei manchen Depressiven wechselt die Stimmung im Tageslauf, auf ein regelmäßiges Morgentief kann eine deutlich bessere Stimmung am Nachmittag und Abend folgen. Auch Schlafstörungen, Appetitmangel und einige weitere unspezifische Beschwerden können hinzukommen.

Bei Depressionen wird zwischen leichten, mittleren und schweren Episoden unterschieden, je nachdem welche und wie viele Symptome auftreten. Dauern die Symptome über zwei Jahre an, sprechen Ärzte von einer chronischen Depression.

Sind die Beschwerden nur leicht ausgeprägt, nennt man das eine depressive Verstimmung. Sobald sie über zwei Jahre dauert, bekommt sie einen eigenen Namen – die Dysthymie. Auf Englisch heißt sie „High functioning depression“, wörtlich übersetzt hoch funktionelle Depression, weil man den Alltag damit durchaus bewältigen kann.

Es gibt auch noch einige weitere Sonderformen der Depression wie die bipolare Störung (umgangssprachlich „manisch-depressiv“), die aber im Rahmen dieses Ratgebers rund um die Schilddrüse zu speziell wären.

Schilddrüsenproblem, Depression oder …?

Auch manche körperliche Krankheit wie die Autoimmunerkrankungen Hashimoto-Thyreoiditis oder das Sjögren-Syndrom depressive Symptome mit sich bringen. Deshalb ist es wichtig, in Frage kommende körperliche Ursachen gründlich abklären zu lassen. Neuerdings wird Psychiatern sogar empfohlen, Betroffene mit Ängsten und Depressionen direkt auf eine Hashimoto-Thyreoiditis untersuchen zu lassen. Das gilt auch umgekehrt – wer Hashimoto hat, hat ein höheres Risiko, psychische Symptome wie eine Depression zu erleben.

Link für Fachleute: Autoimmunthyreoiditis, Ängste und Depression hängen zusammen (NeuroTransmitter 2019)
https://www.springermedizin.de/endokrinologische-erkrankungen-in-der-hausarztpraxis/angststoerungen/autoimmunthyreoiditis-aengste-und-depression-haengen-zusammen/17367092

Außerdem kann ein Mangel an Vitamin B12 depressive Symptome begünstigen, sogar ein ständig niedriger Blutdruck drückt die Stimmung etwas. Müdigkeit kann durch Eisenmangel verursacht oder verstärkt werden. In solchen Fällen sollten sich die Symptome durch eine passende Behandlung bessern oder ganz verschwinden.

Es kann aber auch passieren, dass sich die depressiven Symptome durch die Behandlung der körperlichen Krankheit nicht ausreichend bessern. Dann könnte es beispielsweise sein, dass noch andere Ursachen vorliegen oder dass eine Depression zwar ursprünglich von der Hashimoto-Thyreoiditis und der Unterfunktion verursacht, aber mit der Zeit zu einem eigenständigen Problem geworden ist. Das ist aber nicht der übliche Fall, oft verschwinden die Beschwerden bei Schilddrüsenkranken durch eine passende Dosis L-Thyroxin: Dann handelt es sich genau genommen nicht um eine depressive Erkrankung, sondern um ein Symptom der Unterfunktion.

Bei Frauen könnten auch hormonelle Umstellungen rund um die Wechseljahre eine Rolle bei depressiven Verstimmungen spielen. Bei Männern kann ein erniedrigter oder niedrig-normaler Testosteronmangel das Depressionsrisiko erhöhen. Hormonell bedingte Depressionen müssen sich übrigens nicht anders anfühlen als Depressionen im engeren Sinn.

Antidepressiva oder L-Thyroxin?

Für Menschen mit Unterfunktion der Schilddrüse gilt: Antidepressiva können zusätzlich zum Schilddrüsenhormon L-Thyroxin eingenommen werden. Das kann besonders dan bedenkenswert sein, wenn die Hormone trotz passender Dosis die depressiven Symptome nicht wesentlich bessern. In der Einstellungszeit mit L-Thyroxin lohnt sich so ein Versuch aber nicht unbedingt: Auch Antidepressiva brauchen einige Wochen, bis sie wirken, und manchmal müssen mehrere Präparate versucht werden, bis ein passendes gefunden ist.

Doch wer ohnehin einige Monate Zeit einkalkuliert, könnte vielleicht auch schon mit L-Thyroxin ein besseres Befinden erreichen. Außerdem können die Wirkungen der Medikamente einfacher beurteilt werden, wenn nur ein einziges Medikament neu eingenommen wird. Wenn Sie zwei Behandlungen parallel beginnen, die sich beide direkt auf die Psyche auswirken können, ist das viel schwieriger einzuschätzen. Bei allen Medikamenten und Behandlungen kann noch ein Placebo-Effekt hinzukommen.

Die Entscheidung für oder gegen ein Antidepressivum will gut überlegt sein. Bei schweren Depressionen kommt man aber nicht ganz um Psychopharmaka herum – in diesem Fall wäre vielleicht sogar ein Aufenthalt in einer Klinik sinnvoll, bis die schlimmste Phase überwunden ist. Manche Psychopharmaka können außerdem die Schilddrüsenwerte beeinflussen. Das gilt besonders für Lithium, das sich aber bei einer bipolaren Depression nicht unbedingt vermeiden lässt. Wer Psychopharmaka nimmt, könnte sechs bis acht Wochen nach dem Beginn die Schilddrüsenwerte überprüfen lassen.

Antidepressiva und sonstige Psychopharmaka können von Ärzten verschrieben werden. Meistens machen das Psychiater, ein Rezept können aber auch Allgemeinmedizinerinnen und viele andere Ärzte ausstellen. Psychiater haben allerdings am meisten Erfahrung damit und sollten die Wirkungen eines Medikaments am besten einschätzen können.

Manche Privatpraxen bieten zusätzlich Messungen des Serotonin-Wertes an, dessen Aussagekraft aber sehr umstritten ist. Allgemein gilt: Typische Antidepressiva machen nicht abhängig und können wieder ausgeschlichen werden, wenn sie nicht mehr benötigt werden – das genaue Vorgehen sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt ab. Es gibt aber auch Psychopharmaka, die schnell abhängig machen können und sich deshalb nicht zur längerfristigen Einnahme eignen, zum Beispiel die angstlösende Benzodiazepine.

Psychotherapie bei Ängsten und Depressionen

Psychologische Psychotherapeuten verordnen generell keine Medikamente, sondern bieten Psychotherapien an. Außerdem haben manche Ärzte eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Es gibt verschiedene therapeutische Richtungen und Methoden, von denen nur einige von den Krankenkassen anerkannt werden. Darüber können Sie sich direkt bei Ihrer Kasse informieren und erfahren so den neuesten Stand.

Leider haben erfahrene, fähige Psychotherapeutinnen mit Kassenzulassung oft lange Wartezeiten auf einen freien Therapieplatz. Unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen die Kassen in Deutschland aber die Kosten für fachlich anerkannte Therapeuten, die privat abrechnen. Es kann hilfreich sein, bei der Suche schriftlich festzuhalten, welche Therapeuten keinen freien Platz hatten. Ein freier Platz in einer Gruppentherapie ist möglicherweise leichter zu finden.

Psychotherapeutische Richtungen und Methoden

Die kognitive Verhaltenstherapie zählt zu den etablierten und relativ gut erforschten Verfahren. Sie leitet die Klientin an, besser mit sich selbst, ihrer Krankheit und den Herausforderungen des Lebens umzugehen, also die eigenen Gewohnheiten oder die persönliche Einstellung zu verändern. Möglicherweise genügt schon eine Kurztherapie, um beispielsweise mit Ängsten oder Panikattacken besser fertig zu werden.

Eine tiefenpsychologische Therapie versucht dagegen, Ursachen von Problemen auf den Grund zu gehen, die oft in der Kindheit liegen. Das kann in manchen Fällen tatsächlich helfen, wenn heutige Probleme auf alten Mustern beruhen. Die Deutung unbewusster Konflikte kann aber auch ins Spekulative gehen – auch Psychotherapeuten können nicht wirklich in einen Menschen hineinsehen. Dann gibt es noch die klassische Psychoanalyse, die meist mehrere Sitzungen pro Woche mit sich bringt.

Es haben sich noch weitere psychotherapeutische Richtungen etabliert, darunter die klienten-zentrierte Gesprächstherapie nach Rogers. Diese ist aber für sich allein von den gesetzlichen Kassen nicht anerkannt. Manche Therapeuten haben aber mehr als eine Ausbildung absolviert oder sich zumindest in Fortbildungen von anderen Richtungen inspirieren lassen. Dadurch unterscheiden sich die therapeutischen Schulen heute etwas weniger voneinander als früher.

Welche Methode Sie auch wählen: Die körperliche Krankheit und die Symptome der Schilddrüse sollten nicht unnötig psychologisiert werden. Eine Autoimmunerkrankung bedeutet beispielsweise nicht, dass Sie an unbewusster Selbstzerstörung leiden oder die Krankheit für irgendetwas brauchen – wie heißt es im Volksmund so schön: Die beste Krankheit taugt nichts. Es ist wichtig, dass die Therapeutin die körperliche Erkrankung grundsätzlich ernst nimmt, auch wenn er nicht alle Details kennen muss.

Tipps zum Therapie-Start

Den Nutzen einer Psychotherapie kann man nicht generell einschätzen: Sie kann in manchen Fällen nützen, in anderen Fällen nicht viel ändern und gelegentlich sogar schaden. Eine große Rolle spielt der persönliche Draht zum Therapeuten und dessen Erfahrung. Achten Sie darauf, ob Sie sich gut aufgehoben fühlen und sich öffnen können.

Außerdem ist es sinnvoll, in den ersten Stunden die Erwartungen und Therapieziele zu klären: Was erwartet sich jemand von der Psychotherapie, und was sagt die Therapeutin dazu? Was kann die Therapie tatsächlich dazu beitragen, den persönlichen Zielen näher zu kommen und die angesprochenen Probleme zu überwinden? Ein offenes Gespräch zu diesen Punkten kann manche Enttäuschungen und Umwege ersparen.

Was bei Depressionen sonst noch helfen kann

Es kommt außerdem nicht selten vor, dass sich manches psychische Problem ohne psychotherapeutische Begleitung wieder bessert. Manchmal ist es schwer einzuschätzen, ob es tatsächlich die absolvierte Therapie war, die einem Menschen geholfen hat, oder nicht doch seine eigene seelische Regenerationskraft, ein günstigeres persönliches Umfeld und hilfreiche Wendungen des Lebens.

Auch Sport ist bei Depressionen wirksam: Bewegung schüttet Glückshormone aus und kann depressive Symptome vermindern. Bei Menschen, die ihre Depression überwunden haben, kann Sport das Risiko eines Rückfalls senken. Das Training sollte regelmäßig sein, das heißt etwa, dreimal pro Woche 45 Minuten. Für Untrainierte bringt es schon etwas, spazieren zu gehen oder gemütlich Rad zu fahren. Besser wäre es aber, sich nach einiger Zeit flotter zu bewegen.

Wichtig ist, dass das Training Spaß macht, sonst ist es schwer, dabei zu bleiben. Dass man sich überwinden muss, um in die Gänge zu kommen und anzufangen, ist aber normal – das geht nicht nur depressiven Menschen so. Sobald das Training zur festen Gewohnheit geworden ist, wird es einfacher. Wer gleich intensiver loslegen will, sollte sich vor Trainingsbeginn ärztlich beraten und eventuell sportmedizinisch untersuchen lassen.

Burnout ist eine Form von Depression

Burnout wird auf deutsch manchmal Erschöpfungsdepression oder Erschöpfungssyndrom genannt. Zusätzlich spielen aber auch die Stresshormone Adrenalin und Cortisol eine Rolle, deren Ausschüttung durcheinander gekommen ist. (In den früheren Fassungen dieses Ratgebers in Buchform stand der Burnout sogar im Kapitel über Cortisol, das jetzt auf dieses Kapitel folgt.)

Burnout bedeutet, dass eine länger andauernde seelische, körperliche und geistige Erschöpfung eintritt, weil die Grenzen der persönlichen Belastbarkeit zu lange überschritten wurden und das Bedürfnis nach Erholung vernachlässigt wurde. Schlafmangel, Nachtarbeit und Aufputschmittel können die Problematik verstärken, ebenso lang anhaltende private Sorgen, Konflikte und Enttäuschungen.

Es können schon vor einem Zusammenbruch verschiedene Symptome auftreten, zum Beispiel Gereiztheit, Gefühle von Sinnlosigkeit und Schlafstörungen oder auch körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen, Magenprobleme und Tinnitus.

Das passiert besonders solchen Menschen, die sich allzu stark engagieren und unter Druck stehen. Dahinter stehen oft hohe Ideale, die enttäuscht werden, oder große Ansprüche an die eigene Leistung, die aber kaum von anderen honoriert wird. Das passiert meist auf beruflichem Terrain, aber auch die Pflege von Angehörigen oder andere Lebenslagen können massiv überlasten. Es kommt dabei nicht so sehr auf das Arbeitspensum an, sondern vor allem auf den Umgang mit Stress. Wer aus der Arbeit tatsächlich eine innere Befriedigung zieht, ist auch in anstrengenden Phasen viel weniger gefährdet, einen Burnout zu erleben.

Was tun bei Burnout?

Oft ist eine psychologische Beratung oder Therapie sinnvoll. Es gibt außerdem Kliniken, die sich auf Burnout und Erschöpfung spezialisiert haben. Allerdings ist Burnout für sich allein kein anerkanntes Krankheitsbild, sodass der Aufenthalt wahrscheinlich nicht von einer gesetzlichen Krankenkasse bezahlt wird. Etwas anderes ist es, wenn zusätzlich eine Depression diagnostiziert wird. Dann kommt selbstverständlich auch eine ambulante Psychotherapie in Frage.

Vorbeugend und zum Schutz vor Rückfällen kann alles helfen, was Stress und Anspannung abbaut. Auf der körperlichen Ebene sind das Spaziergänge und Erholung im Grünen, Yoga und dergleichen, aber auch Ausdauersport.

Sonderfall Winterdepression

Unabhängig von ernsten psychischen Erkrankungen leiden viele Menschen in Mitteleuropa zwischen November und Februar an leichten saisonalen Depressionen: Sie spüren in den kalten, dunklen Monaten eine gedrückte Stimmung und einen verstärkten Energiemangel. Das Schlafbedürfnis kann erhöht sein, ebenso der Appetit auf Kohlenhydrate.

Bei einer solchen Winterdepression kann es helfen, jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang zu machen – am besten um die Mittagszeit, um möglichst viel Licht zu tanken: Die natürliche Lichtquelle ist so mancher Tageslichtlampe nicht nur bei strahlend blauem Himmel überlegen. Hinzu kommt auch bei dieser Variante der Depression, dass die Bewegung im Freien die Stimmung etwas aufhellen kann.

Blogartikel: Alternativen zur Winterdepression

Nächstes Kapitel: Cortisolmangel und „Nebennierenschwäche“