Mikrobiom: Darmflora-Test und Probiotika bei Hashimoto?

Seit einigen Jahren boomen die Themen Probiotika und Darmgesundheit – nicht nur bei Hashimoto: Es gibt Labortests für Zuhause, die verschiedene Bereiche wie Darmflora (Mikrobiom), Darmpilze, Darmparasiten oder auch probiotische Bakterien untersuchen. Manche Werbung für solche Tests bezieht sich auf die Schilddrüse, andere Anbieter richten sich an eine gesundheitsbewusste oder besorgte Allgemeinheit.
Inhalte dieses Kapitels
Ein Podcast über Darmkuren und Mikrobiom
Der Podcast Wissen Weekly gab letztes Jahr anschauliche Einblicke ins Thema Darmkuren. Die Moderatorin bestellte selbst einen so genannten Darmflora-Test und teilte ihre persönliche Erfahrung in der Sendung: Das Testergebnis und die beigefügten Empfehlungen empfand sie als zu ungenau oder zu allgemein – das Ergebnis vermittelt also nicht die Sicherheit, die sich manche davon erhoffen. – Hier finden Sie die Links zu einer kurzen Zusammenfassung der Sendung und zum Podcast selbst.
Die Auswertung des Tests, dessen Hersteller im Podcast nicht genannt wurde, empfahl schließlich, bestimmte Probiotika zu bestellen: Online angebotene Tests rund um den Darm und dessen Mikrobiom dienen also auch dem Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln und von so genannten Darmkuren. Aber auch Influencer werben für derartige Produkte und versprechen einen Nutzen für Schönheit und Gesundheit.

Eine Einführung, was das Mikrobiom eigentlich ist und wie es arbeitet, gab die Wissenschaftlerin Bärbel Stecher (siehe Screenshot) in einem allgemein verständlichen Vortrag: „Süßer Streit im Darm: Wie uns das Mikrobiom vor Krankheitserregern schützt“ lautete der Titel. Hier finden Sie die Vortrags-Aufzeichnung und weitere Informationen.
Was bringen Probiotika, was sagt die Forschung?
Ärztlich empfohlen werden Präparate mit Probiotika meist dann, wenn Antibiotika eingesetzt werden oder kürzlich eingesetzt wurden. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in Nature fasst zusammen, was das bringt und was nicht:
Bestimmte Probiotika können das Risiko für antibiotikabedingte Durchfälle senken, auch im Zusammenhang mit dem Keim Clostridium difficile, der nach Antibiotika gelegentlich auftritt. Es gibt aber keine überzeugenden Nachweise, dass die Anwendung von Probiotika das Mikrobiom wieder in den ursprünglichen Zustand vor dem Antibiotika-Einsatz zurückversetzen kann. Siehe der Übersichtsartikel in Nature (2025): Antibiotic-perturbed microbiota and the role of probiotics.
Außerdem rät die American Gastroenterological Association davon ab, Probiotika bei Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Reizdarm einzusetzen – es sei nicht ausreichend nachgewiesen, dass Probiotika hier helfen und keinen Schaden anrichten – siehe deren Meldung aus dem Jahr 2024.
Für Hashimoto-Betroffene ist ein 2026 veröffentlichter, deutschsprachiger Artikel aus dem Journal für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel interessant: „Vom Darmmikrobiom zur Schilddrüse: Könnten Probiotika einen günstigen Effekt haben?“ Er erklärt die Bedeutung des Mikrobioms und dessen Funktion für Darmschleimhaut, Immunsystem und auch für die Schilddrüsenwerte.
Mikrobiom und Schilddrüsen-Stoffwechsel
Zitat aus dem online frei lesbaren Artikel: „Darmmikrobiota produzieren (…) Nährstoffe zur Aufnahme in den Organismus und Stoffe, die zur Modulation des Immunsystems wichtig sind (Abb. 2). Eine besondere Bedeutung für die Schilddrüse besteht in der Steigerung der Verfügbarkeit von Iodthyroninen.“
Das heißt praktisch: Bei einem gesunden Mikrobiom ist das Hormon T3 besser verfügbar. Förderlich sind „die kurzkettigen Fettsäuren (SCFAs). Sie werden von bestimmten Dickdarmbakterien durch anaerobe Fermentation faserreicher Nahrung produziert.“ Und: „Die Produktion von Butyrat wird als besonders wichtig für die Darmgesundheit erachtet, da es eine wichtige Energiequelle der Epithelzellen des Dickdarms darstellt.“
Das Mikrobion kann von einer Unterfunktion ungünstig beeinflusst werden – hier läge also der Ansatzpunkt bei den Schilddrüsenwerten und der Behandlung der Unterfunktion mit L-Thyroxin (Link zu Teil 3 des Online-Ratgebers). Sich um eine gesunde Ernährung zu kümmern, die auch Probiotika und Präbiotika für das Mikrobiom enthält, ist begleitend sinnvoll. Verdauungsprobleme und Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten ärztlich abklären zu lassen, kann bei verdächtigen Beschwerden sinnvoll sein.
Einzelheiten über die Rolle des Mikrobioms beim Schilddrüsen-Stoffwechsel lassen sich im oben verlinkten, deutschen Artikel über das Darmmikrobiom nachlesen, und zwar im Abschnitt über die „Darm-Schilddrüsen-Achse“.
Butyrat aus Beta-Glucan, resistenter Stärke …
Wenn pflanzliche Fasern und resistente Stärke im Dickdarm ankommen, werden sie von Darmbakterien verarbeitet. Dabei bilden sie das mehrerlei Hinsicht förderliche Butyrat.
Haferkleie, Haferflocken und Gerste enthalten zum Beispiel relevante Mengen des löslichen Ballaststoffs Beta-Glucan. Es kann etwas dazu beitragen, dass Blutzucker, Gesamt-Cholersterin und LDL sinken. Beta-Glucan wird von Bakterien im Dickdarm abgebaut, wobei Butyrat (Buttersäure) entsteht. Dieses Stoffwechselprodukt nützt der Darmschleimhaut, stärkt die Darmbarriere und fördert zudem die Freisetzung des Darmhormons GLP-1. Der Nachbau im Labor der Pharmaindustrie ist als „Abnehmspritze“ bekannt geworden.

Günstig für die Butyrat-Bildung außerdem sind Hülsenfrüchte – Bohnen, Erbsen, Linsen und Kichererbsen (weniger Tofu), denn sie enthalten viel resistente Stärke. Diese wird im Dünndarm nicht aufgenommen, sondern gelangt als Ballaststoff in den Dickdarm. In kleineren Mengen erhalten wir resistente Stärke aus noch (ganz oder teilweise) grünen Bananen, oder wenn wir Nudeln, Kartoffeln oder Reis 12 bis 24 Stunden kalt stellen. Das eignet sich gut als Grundlage für Salate, das Aufwärmen als Beilage schadet der resistenten Stärke aber auch nicht. Der Gehalt erhöht sich auch bei Hülsenfrüchten durch das Abkühlen noch weiter. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass resistente Stärke länger sättigt und der Blutzucker langsamer ansteigt als bei anderen Kohlenhydraten.
Was ist sonst noch gut für Mikrobiom und Darm?
Vorteilhaft sind auch die präbiotischen Ballaststoffe Inulin und Oligofructose – enthalten in Chicorée, Topinambur, Artischocken, Schwarzwurzeln und Knoblauch, in etwas geringeren Mengen auch Lauch und Zwiebeln. Pektin aus Äpfeln ist ebenfalls nützlich für die Butyrat-Bildung.
Allgemein günstig für die Darmgesundheit und das Mikrobiom sind fermentierte Lebensmittel wie Joghurt und Kefir, Kombucha, Sauerkraut, Kimchi und andere sauer eingelegte Gemüse. Sie enthalten gesunde Bakterien (Probiotika). Wer Probleme mit Histamin hat, sollte aber bei Joghurt und Kefir bleiben, denn Sauerkraut wäre nicht gut verträglich.
Neben Präbiotika und Probiotika sind auch sekundäre Pflanzenstoffe (Polyphenole) günstig für das Mikrobiom, das man früher auch Darmflora nannte. Vorteilhaft ist es, sich mit gesunden Lebensmitteln möglichst abwechslungsreich zu ernähren, weil das ein vielfältiges Mikrobiom fördert.
Auch wenn diese Ernährung gut für die Darmgesundheit ist: Die Funktion der Schilddrüse lässt sich damit nicht verbessern und hat beim heutigen Stand des Wissens auch keinen speziellen Nutzen bei Hashimoto. Auf eine darmfreundliche Ernährung zu achten, lohnt sich in erster Linie für Verdauung selbst, für das Immunsystem sowie das allgemeine Befinden. Eine faserreiche Ernährung könnte allerdings die Aufnahme von Spurenelementen hemmen und dadurch manche Vorteile wieder dämpfen – darum müssten sich Interessierte extra kümmern.
Weitere Informationen dazu finden Sie hier im Online-Ratgeber:
Gesundes Frühstück – auch bei Hashimoto: Müsli!
Ein schnell gemischtes Müsli aus Haferflocken, Joghurt und Banane ist gesund und schmeckt gut. Niemand muss wegen Hashimoto ein extremes High-Protein-Frühstück nur aus Fleisch und Eiern oder Quark mit Beeren essen, wie es gelegentlich empfohlen wird, sondern darf den Tag mit einem ausgewogenen Frühstück beginnen.
Wer das Ganze optimieren möchte, kann einige Details beachten: Je reifer die Banane, umso weniger resistente Stärke und umso mehr Zucker enthält sie. Bananen lassen sich aber gut im obersten Kühlfach lagern, damit sie nicht weiter reifen. Weicht man Haferflocken über Nacht ein, erhöht das deren Gehalt an resistenter Stärke und senkt die Oxalsäure, die die Aufnahme von Mineralien etwas bremst.
Wer die Kohlenhydrate reduzieren will, kann auch eine halbe Banane verwenden oder sie je nach Saison (oder nach Inhalt des Tiefkühlfachs) durch Beeren ersetzen. Der Joghurt kann frei gewählt werden – aus Kuhmilch oder vegan, probiotische Bakterien sind immer enthalten. Wer den Proteingehalt erhöhen möchte, kann noch eine kleine Portion Halbfett- oder Magerquark (oder Sojaquark) hinzufügen. Ist kein Obst im Haus, eignen sich kleine Mengen Nüsse, Samen oder getrocknete Beeren gut.
Banane enthält außerdem etwas Kalium und Magnesium, aber wenig Vitamin C – hier kann es nicht schaden, eine kleine Prise in Pulverform hinzuzufügen, die es günstig im Drogeriemarkt gibt. Orangensaft wird zwar wegen Vitamin C auch oft als Teil eines gesunden Frühstücks gesehen, enthält aber viel Zucker und kaum Ballaststoffe. Daher ist er unnötig und sollte ggf. nur in kleinen Mengen konsumiert werden: Besser wäre es, während der Saison ab Spätherbst direkt eine frische Orange oder eine halbe Grapefruit zu essen, die auch natürliche Fasern enthalten.
Ballaststoffe und Beta-Glucan im Internet bestellen?
Nahrungsergänzungsmittel mit zusätzlichen Ballaststoffen einzunehmen, ist nicht nötig und kann bei Übertreibungen sogar zu Bauchschmerzen führen, wenn man die vielen Fasern nicht gewöhnt ist. Eine Hashimoto-Diagnose bedeutet auch unabhängig davon nicht, dass man von Kapseln mit Zitruspektinen oder Akazienfasern profitiert.
Wenn Joghurt oder Streichwurst mit Inulin angereichert ist, schadet das zwar überhaupt nicht, wird aber nur von Menschen gut vertragen, die auch mit Lauch und Zwiebeln einigermaßen zurechtkommen. Ballaststoffe helfen zwar oft gegen Verstopfung, aber wenn diese von einer Unterfunktion kommt, sollte sie auch direkt behandelt werden.
Kapseln und Pulver mit Beta-Glucan zu nehmen ist ebenfalls übertrieben, zumindest ist es kein Ersatz für eine gesunde Ernährung. Da meist mehrere Kapseln pro Tag empfohlen werden, gehen die Preise teilweise ins Absurde. Wer trotzdem Beta-Glucan in Kapselform kaufen und ausprobieren möchte, ob es etwas bringt, sollte jeweils die Stückzahl, den Inhalt pro Kapsel und den Kaufpreis notieren, den (meist dreistelligen) Kilopreis ausrechnen und sich dann entscheiden. Vorsicht, bei Nahrungsergänzungsmitteln wird oft der Wirkstoff-Gehalt pro Tagesdosis angegeben, die aber oft aus mehreren Kapseln besteht! (Wie viel Gramm enthält die Packung insgesamt, und was kostet sie? Daraus kann man per Dreisatz den Preis für 1000 Gramm ausrechnen und hat somit den Kilopreis.)
Die sehr preisgünstigen Haferflocken enthalten von Natur aus über vier Prozent Beta-Glucan und zudem über 13 Prozent Protein. Wer mehr Beta-Glucan zu sich nehmen will, kann Haferflocken und Haferkleie mischen: Letztere enthalten acht Prozent Beta-Glucan und insgesamt mehr Ballaststoffe und auch Proteine, aber weniger Kalorien als Haferflocken.
Wir sollten aber bedenken: Trotz des Zusammenhangs zwischen Beta-Glucan, Butyrat und GLP-1 sind Haferflocken, Haferkleie oder Beta-Glucan-Pulver keine Wundermittel, die Krankheiten beseitigen und die Pfunde purzeln lassen. Um abzunehmen, braucht es immer noch ein Kaloriendefizit.
Text: Irene Gronegger, freie Journalistin im Bereich Gesundheit und Verbraucherschutz, Autorin des frei lesbaren Online-Ratgebers Schilddrüsen-Unterfunktion, Hashimoto und Hormone (Link zum Inhaltsverzeichnis)
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